Symbol für die Kirche der Zukunft? (Ruine in der Toskana) © Walter Ludin
Walter Ludin

Die Kirche: ein Auslaufmodell?

«Wie geht es Ihnen, da Sie als Priester ein Auslaufmodell sind?» So wurde schon vor über 30 Jahren einer meiner Freunde von einem Jugendlichen gefragt. Heute müssen sich wohl überzeugt Glaubende fragen lassen: «Wie kannst du nur in der Kirche bleiben, in diesem aussterbenden Club?»
Tatsächlich: Die Kirche ist in unseren Breitengraden immer weniger präsent, da ihr Mitglieder scharenweise davonlaufen. Und dennoch: Die Kirchengebäude sind übers Wochenende zwar nicht mehr voll, doch auch längst noch nicht leer sind.
Ein Pfarrer in einer deutschen Grossstadt wies darauf hin, dass dort in den Kirchen noch bedeutend mehr Menschen in Gottesdiensten anzutreffen sind als Fussball-Fans in den Stadien. Aber offensichtlich ist die öffentliche Wahrnehmung anders. Über die Spiele berichten die Medien regelmässig seiten- und stundenlang. Aber über Gottesdienste, so kreativ sie auch gestaltet sein mögen?
50 Chancen
Damit möchte ich selbstverständlich die Situation nicht schönreden. Unsere Kirche befindet sich in einer Krise. Dies schleckt keine Geiss weg! Doch sie ist längst nicht verloren. Der Freiburger Pastoraltheologe Michael N. Ebertzskizziert in seinem Buch mit dem Untertitel «Anstösse für ein zukunftsfähiges Christentum» eine ganze Reihe positiver Ansätze. Abschliessend listet er nicht weniger als 50 Themen auf, bei denen die «Kirche Chancen» hat. Ich lasse mich hier davon inspirieren, ohne sie einfach zu übernehmen.
Zuerst, etwas profan ausgedrückt: Die Kirche hat nach wie vor ein tolles Produkt, die überzeitliche Botschaft Jesu. Einiges aber stimmt nicht, oft die Verpackung. Das Ganze kommt in einem grauen, mehrfach schon gebrauchten Packpapier daher, während die Konkurrenz bunt und frech auftritt.
Und dann das Bodenpersonal: Darüber wird seit anderthalb Jahrzehnten fast täglich ausführlich berichtet. Es ist nicht immer Missbrauch. Es gibt auch weltabgewandte, arrogante Herren der Kirche (weit weniger Herrinnen …). Es fällt mir auf: Auch wenn jemand ins allgemeine Jammern einstimmt, heisst es dann nicht selten: «Aber unser Pfarrer, unsere Gemeindeleiterin sind voll in Ordnung.»
Kirche für die Menschen
Eine Kirche die mit den Menschen geht, wird von ihnen nicht verlassen. Es ist eine Kirche, die aus der Sakristei tritt; die «hinausgeht», wie es Papst Franziskus fordert.
Hier liegt eine ihrer grössten Chancen: Wenn die Kirche sich konsequent und unerschrocken in Wort und Tat für die «Randständigen» einsetzt, wer kann es dann wagen, sie als überflüssig und unnötig zu bezeichnen?
Dazu gehört sicher auch ihr Einsatz für den Weltfrieden. Hier liegt vieles im Argen. Dies wurde im Zusammenhang mit der europäischen Konferenz der Weltsynode in Prag sichtbar. Sie war ein Erfolg, urteilen alle Beteiligten. Doch ein kritischer Beobachter monierte: Da hat man sich lange und intensiv mit innerkirchlichen Strukturfragen befasst. Alles gut und recht. Aber wo findet man ein Wort über den im Osten Europas tobenden Krieg?
Nur für die eigenen Schäfchen?
Der Irrglaube, die Kirche habe sich vorerst oder sogar ausschliesslich um ihre eigenen, treuen Schäfchen zu kümmern, findet sich hinter einer Statistik, die ich in den letzten Jahren öfters mit Kopfschütteln wahrgenommen habe. Nämlich: Vergleicht man die Anzahl der vorhandenen Priester mit der Zahl der Gottesdienstbesuchenden, stehen wir vielleicht sogar besser da als in der Vergangenheit.
Wo bleibt da die Aufforderung Jesu, «hinauszugehen zu den Menschen an den Zäunen und Hecken»? Auch dazu braucht es, neben jedem einzelnen Christglaubenden, kompetentes Personal. Sonst wird eine Chance vertan.
Erstmals erschienen in: Antonius von Padua/Seraphisches Liebeswerk Solothurn

Symbol für die Kirche der Zukunft? (Ruine in der Toskana) © Walter Ludin
26. November 2024 | 10:07
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!

3 Gedanken zu „Die Kirche: ein Auslaufmodell?

  • Michael Bamberger sagt:

    Dank Menschenrechten, Demokratie, Wohlstand, Bildung, Aufklärung, Emanzipation der Frau, etc., sprechen die Zahlen eine unmissverständliche Sprache

    Entwicklung der Religionslandschaft der Schweiz (Quelle: BfS)

    1970:
    Evangelisch 48.8%
    Katholisch 46.7%
    Andere 3.3%
    Ohne Religionszugehörigkeit 1.2%

    2022:
    Ohne Religionszugehörigkeit 33.5%
    Katholisch 32.1%
    Evangelisch 20.5%
    Andere 13.9%

    Ähnlich rasant gestaltete sich wohl auch damals der unaufhaltsame Niedergang der Religionen nacheinander mit ihren Gottheiten Isis und Osiris, Zeus und Hera, Jupiter und Venus, Thor und Sif und noch unzählig vielen anderen…

  • Dankt dem “Geiste des Konzils”… hätte man das Konzil richtig umgesetzt, wäre es vielleicht anders.

    • Zölibat spricht Frauen das Frausein ab – Leserbrief im OVB – 29.11.2024
      Es war Eingebung und nicht meinem kleinen Verstand entsprungen:
      In der Institution katholische Kirche geht es gar nicht in erster Linie, dass die Frau Priesterin oder Diakonin wird, sondern: Seit der Einführung der Pflicht zum
      Zölibat wurde ihr das Frausein abgesprochen! Sie darf einem Kleriker gegenüber keine “Frau” sein! Also gibt es nur Männer!
      Ilse Sixt Oberpframmern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.