Täglicher Bedarf
In der Lesung vom heutigen 18. Sonntag im Jahreskreis hören wir aus dem Buch Exodus. Gott hat die Israeliten aus Ägypten, aus dem Elend der Unterdrückung, herausgeführt. Jetzt sind sie in der Wüste und protestieren, weil sie nichts zu Essen haben. Da sagt Gott: «Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln» (Ex 16,4). Gott versorgt die Menschen mit dem Lebensnotwendigen. Konkret: mit dem täglichen Bedarf – so viel, wie jede und jeder zum Essen braucht (Ex 16,16). Und Gott legt Wert darauf, dass niemand Vorräte anlegt, vielleicht sogar mit dem Essen Profit machen kann. Gottes Gerechtigkeit ist also eine Bedarfsgerechtigkeit, für jeden einzelnen Tag.
So lehrt es später auch Jesus im Vater Unser. Wenn wir um «unser tägliches Brot» bitten, meinen wir ja nicht, dass wir jeden Tag Brot essen sollen, sondern dass wir jeden Tag so viel haben, wie wir zum Essen – zum Leben – brauchen. Gottes Bedarfsgerechtigkeit.
Ein anderes, bei uns verbreitetes Verständnis von Gerechtigkeit ist die Leistungsgerechtigkeit. Wer jeden Tag acht oder zehn Stunden Arbeitsleistung bring – z.B. als Bänker oder Putzfrau, Ärztin oder Altenpfleger – soll dafür einen leistungsgerechten Lohn erhalten. Ich finde diese Überlegung verständlich, frage mich aber, ob Leistung in unserem Land gut definiert ist, wenn dieser Lohn den einen ein Leben in komfortablem Wohlstand ermöglicht, und den anderen nur knapp das Existenzminimum. Ganz zu schweigen von den Menschen im globalen Süden, auf deren Ausbeutung unser Wohlstand zum Teil beruht, und denen schwere Arbeit oft nicht mal den täglichen Bedarf sichert. Gottes Gerechtigkeit sieht anders aus. «Fair Trade»-Siegel versuchen zumindest, faire (also bedarfsgerechte) Löhne zu ermöglichen – doch obwohl die Lohnkosten oft nur ein paar Cent ausmachen, sind solche Produkte mit den Massenwaren meist nicht konkurrenzfähig.
Daneben gibt es ein Verständnis von Bestandsgerechtigkeit. Ist es gerecht, wenn hohe Vermögenswerte durch Vermögens- oder Erbschaftssteuer reduziert werden, womöglich sogar in dem drastischen Masse, wie es die JuSos mit ihrer kürzlich eingebrachten Erbschaftssteuer-Initiative vorschlagen: 50 Prozent bei einem Freibetrag von 50 Millionen? Ich verstehe die Multimillionäre durchaus, die ihr Vermögen schützen und darum ins Ausland abwandern wollen. Ich bin aber auch denjenigen Erben dankbar, die ihr eigenes Vermögen als ungerecht empfinden. Beim Erben zeigt sich besonders deutlich der Zufall, mit dem wir bei unserer Geburt in unterschiedliche Verhältnisse geworfen werden. Die sinnvollste Lösung wäre wohl eine global geltende Steuer für Erbschaften und Milliardenvermögen – zumal das Ansammeln grosser Vermögenswerte durch Einzelne auch dem Kapitalismus zuwiderläuft, wenn dieses Kapital den gesellschaftlichen Produktionsprozessen entzogen ist.
Aber Gottes Gerechtigkeit richtet sich nicht an die Wohlhabenden, sondern zuerst an die Notleidenden. Ihnen gilt die Zusage, ja die Anordnung Gottes, dass alle so viel bekommen sollen, wie sie zum täglichen Bedarf brauchen. Es liegt an uns als Kirche, an uns als Christinnen und Christen, auf diese göttliche Bedarfsgerechtigkeit in der Welt von heute hinzuwirken.
(Dieser Text ist in ähnlicher Form, mit der vollständigen Bibelstelle, auch als Sonntagsbrief von «Wir sind Kirche Deutschland» erschienen)
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