Heinz Angehrn

Rückblick auf die Saison

Alle Jahre wieder weiche ich zu dieser Zeit von meinen gewohnten Themen ab und blicke auf das beste und künstlerisch wertvollste Theater unseres Landes, das Opernhaus Zürich.

Vorbemerkung 1: Man kann mich ja tadeln, dass ich solches tue, doch nach all den teilweise unerfreulichen Geistesarbeiten der letzten zwölf Monate (Pilotprojekt Missbrauch, Vitus in Ecône, Bedeutungslosigkeit, Faschismus) darf ich mich auch einmal pro Saison mit einem Thema rings um Ästhetik, Wohlklang und Hochkultur beschäftigen.

Vorbemerkung 2: Zumal mein persönlicher Weg, wäre er nicht von zwei unheiligen Müttern heftig beeinflusst gewesen, durchaus auch in diese Welt hätte führen können…

Nun denn zur zweitletzten Saison von Intendant Andreas Homoki in Zürich, der Saison 23/24, die gestern Abend mit einer konzertanten Aufführung von Umberto Giordanos «Andrea Chénier» endete:

Wenn die Aufführung des ganzen «Rings» im Mittelpunkt der Saison steht, dann müssen eben alle anderen Projekte, sprich Neuinszenierungen, in deren Dienst stehen. Das gilt aber nicht für die Ballettsaison, in der ja die neue Direktorin Cathy Marston ihren Einstand hatte. Nun versteht der hier Schreibende nicht genug von Ballett, um sich fachlich kompetent äussern zu können (von hübschen Tänzern schon, aber das genügt nun doch nicht), darum nimmt er davon Abstand. Nur kurz: Frau Marston erzählt Geschichten der angelsächsischen Literatur, das ist absolut spannend.

Nun zum Bereich Oper: zunächst Puccinis «Operette» um eine Schwalbe, deren Lover ihr Vorleben nicht goutiert (»La Rondine», musikalisch spätromantisch); dann gleich zweimal Barock (»Platée» von Rameau, «L’Orfeo» von Monteverdi), einmal hochintellektuell, einmal wild überinterpretiert; einmal die obligate Moderne (»Amerika»), unverständlicher und ungeniessbarer als schon sonst; wieder mal Herr Bieito mit seiner Mischung von Fleisch und Blut (Verdis «Vespri Siciliani»); dann der Chef selber mit einer sauber-durchdachten «Carmen»; und irgendwie im Mittelpunkt von all dem Léhars «Lustige Witwe» inszeniert vom Genie Barrie Kosky, gar nicht lustig, sondern traurig, weil Menschen alt werden…. Fazit: alles in allem unterm Strich ein mittel ansprechender Mix eher am Rande des Repertoires.

Aber da war eben noch was, und das hebt die Saison in höhere Sphären: Homokis «Ring», mit der «Götterdämmerung» im Herbst vollendet und dann im Frühling zweimal als Ganzes aufgeführt, überzeugte zu 98 Prozent! Man(n) lese nächstens meine Kritik in der SKZ 2024/14. Hätte er nicht den ärgerlichen Fauxpas begangen, während der himmlischen letzten acht (von 990) Minuten zur finalen Apokalypse ständig den Vorhang zu senken und zu heben, hätte ich gar von 99,5 Prozent geschrieben. Etwas schade, aber doch toll.
Die Sänger/innen – Matthias Klinks Loge, Wolfgang Ablinger-Sperrhackes Mime, Klaus Florian Vogts Siegfried, Camilla Nylunds Brünnhilde, Eric Cutlers Siegmund, David Leighs Hagen – und dann noch ein italienischer Dirigent (Maestro Noseda), der Wagner aus teutonischen Tiefen hob, fast alles war Spitzenklasse.
Fazit 2: Die Saison war anstrengend, doch hat sich aller Aufwand gelohnt.

Darum auf ein Neues, auf Homokis Dernière. Let’s see.

(Das Bild: Wotans Raben auf dem Weg zu ihrem Meister, um vom Weltenende zu künden, während Brünnhilde und Waltraute noch parlieren.)

15. Juli 2024 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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5 Gedanken zu „Rückblick auf die Saison

  • Hansjoerg sagt:

    Schön für Herr Angehrn, dass er sich nach vielen hässlichen und unschönen Gegebenheiten, die typischerweise alle im Umfeld der kath. Kirche anzusiedeln sind, nun mit etwas Schönen befassen kann.
    So eine Erfahrung gönnen wir jeder Katholikin und jedem Katholiken.

    • Was bringt Ihnen Ihre Gehässigkeit? Abgesehen davon, dass Ihr Kommentar sachlich falsch ist (googeln Sie mal wo Missbrauch tatsächlich überwiegend stattfindet – ich sag’s: im familiären Nahbereich- wo also Schönheit und Leid noch tragischer verbunden zusammen kommen) oder das gerade im Katholizismus manche Schönheit finden etwa in Liturgie, Musik oder Architektur, man denke etwa an eine Kirche wie St. Gallen oder Einsiedeln, die von Besuchern nicht gerade geschmäht werden, der Kommentar nicht wirklich was mit dem Thema, der Opernsaison, zu tun hat. Von der Kunst könnte man jedoch eine gewisse Leichtigkeit lernen, dass auch dass granteln weniger den Künstler beschreibt, als den Kritiker selbst. Schönes Saisonende 😌

  • Heinz Angehrn sagt:

    Nana, was hat denn das mit meinem Text zu tun? Etwas peinlich, nicht? Was ist da gehässig, ich war im “RIng” sehr locker und glücklich…
    Im Ernst: Wer die katholische Hochliturgie liebt, liebt auch diejenige des Theaters und gerade der Oper.
    Und, lieber Carus: In beiden Welten tummeln sich die Schwulen. Nur werden sie im Theater glücklicher als bei Mutter Kirche.

    • Ich antworte auf den ersten Kommentar von “Hansjörg”, dem ich die Hässigkeit unterstelle, nicht Ihnen, man sieht es daran, dass der Kommentar unter demjenigen, auf den ich antworte eingerückt ist. Insofern passt “gehässig” schon, denn was hat der erste Kommentar mit der Opernsaison zu tun und dann noch zu behaupten alles hässliche habe irgendwie was mit der katholischen Kirche zu tun ist eben sachlich falsch, deshalb weise ich darauf hin, – wie Sie ja selbst schreiben, katholische Hochliturgie für viele Schönheit ist. Ob man im Theater glücklicher wird ist fraglich, dort können gewisse Körperbilder und Machtdynamiken ebenfalls toxische Wirkung entfalten … was natürlich nicht den unwürdigen Umgang der Kirche mit denselben rechtfertigt.

      • Hansjoerg sagt:

        Ich denke Herr carus hat das richtig erkannt. Das Verhalten der kath. Kirche und deren Priester und anderen sogenannten Geweihten macht mich hässig. Wie ich finde zu Recht.
        Die Gründe sind:
        – Die kath. Kirche behandelt Frauen nicht gleichwertig und gleichwürdig
        – Die kath. Kirche verkündet eine mittelalterliche Sexuallehre. So werden zwei Geschiedene, die eine neue Liebe gefunden haben als permanente Ehebrecher und schwere Sünder verurteilt.

        Weitere Ursache dazu, sind Studien aus einigen Ländern zu Missbrauchstaten und Missbrauchsverbrechen. Darf ich erinnern:
        – Frankreich in 70 Jahren 330 000 Opfer von rund 3000 Tätern
        – Portugal 4800 Minderjährige Opfer, das Durchschnittalter lag bei 7 Jahren
        – Schweiz, 1002 Opfer, 74% davon Minderjährig
        – Bistum Münster, 610 Opfer, 196 Beschuldigte Täter, 4,19 % aller Priester waren Täter

        Wenn die kath. Kirche ihr System nicht ändert werden wir auch in Zukunft Missbrauchsverbrechen zu beklagen haben. Nur schon bei 50% Frauen als Priesterinnen können die Taten um 40% verinngert werden.

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