Mitschuld der Institution Zölibat an sexuellen Übergriffen
Zunächst einmal ziehe ich den Hut vor Bernard Genoud, dass er trotz seiner Krankheit in dieser Frage öffentlich aufgetreten ist und das Thema nicht nur für die Medien, sondern für eine Kirchenöffentlichkeit transparenter, deutlicher, fassbarer gemacht hat.
Im Bistum St.Gallen arbeitet seit einem durch die Medien schweizweit bekannt gewordenen Fall eine gemischte (Kirchenleute, Kirchenunabhängige) Arbeitsgruppe am Thema. Ich schätze ihren Einsatz und hoffe, dass so schneller und adäquater bereits im Vorfeld von möglichen Übergriffen reagiert werden kann.
Doch dann bleiben noch folgende Aussagen (Zitate von kath.ch): «Laut Genoud ist aber die Mehrheit der Priester gesund. Man könne jetzt nicht in jedem Priester einen Pädophilen sehen. Weiter sei auch zu beachten, dass der Zölibat an diesen Fällen nicht schuld sei. Dieser führe nicht mehr zu Pädophilie als die Ehe.»
Ich analysiere:
a) Ja, ich glaube wirklich, dass die Mehrheit der Priester «gesund» ist. Insbesondere ist eine sehr grosse Mehrheit der Priester in dem Sinn «gesund», dass sie sich trotz klarem Bewusstsein über ihre hetero- oder homosexuelle Veranlagung und Bedürfnisse nicht an Kindern oder Jugendlichen unter 16 Jahren vergehen würden. Das Ethos in unserem Berufsstand ist ein heiliges Gut, es ist durch philosophische und spirituelle Ausbildung gewachsen und behütet die Kirche vor weit grösserem Schaden.
b) Nein, ich glaube, dass der Zölibat an diesen Fällen «mit-schuldig» ist. Einverstanden, es vergehen sich auch verheiratete Familienväter an ihren eigenen oder an fremden Kindern. Einverstanden, es verdecken auch verheiratete Homosexuelle ihre Veranlagung hinter einer Institution, der der Ehe. ABER (mir persönlich bestätigt von lieben Kollegen, auch mit prominenten Namen und Positionen): Der Zölibat fördert, dass sexuelle Spätzünder, die sich zum Zeitpunkt der Endpubertät und des Berufsentscheids noch gar nicht ehrlich mit ihrer (hetero- oder homo-)Veranlagung auseinandergesetzt haben, diese beim Bewusstwerden derart verdrängen und verstecken, dass daraus eine schwer defizitäre krankhafte Verfasstheit werden kann, aus der heraus sie sich später an Kindern vergehen. Die interne Kirchendrohung, dass sie ihren geliebten Beruf inkl. der Berufung dazu verlieren würden, wenn sie öffentlich zu einer Beziehung zu einem Erwachsenen stehen, begünstigt leider die unheilvolle Entwicklung.
c) Ergo, es möge niemand sagen, dass die Kirche und ihre Verantwortlichen nicht um diese Zusammenhänge wissen.
d) Es gibt darum (wie auch Bernard Genoud anmerkt) zwei Gruppen von Opfern: Einmal Kinder oder Jugendliche, die Opfer der Übergriffe wurden, und dann die Täter, die Opfer einer von ihrer geliebten Kirche mitverursachten Fehlentwicklung wurden. Beide Male ist häufig ein ganzes Menschenleben verpfuscht.
Gerne würde ich wichtige Mit-Denker in dieser Sache wie etwa Abt Martin oder Gabriella Loser Friedli ermuntern, hier oder an anderem Ort an der Diskussion teilzunehmen!
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