Walter Ludin

 Empfehlenswerter Film über Chile

Patricio Guzmán: Mi país imaginario. Film 2022 | 83 Minuten, spanisch mit deutschen Untertiteln | Trigon-Film.
Was hierzulande kaum bekannt war: Auch 30 Jahre nach seinem Abgang des Diktators Pinochet war die von ihm verantwortete chilenische Verfassung in Kraft. Dies bedeutete u.a. ein Schulsystem, das die Armen weitgehend ausschloss; ein profitorientiertes Gesundheitswesen; tiefe Renten, die zu einem würdiges Leben nicht ausreichten.
Auf diesem Hintergrund schuf Patricio Guzmán, einer der berühmtesten Filme Lateinamerikas, seinen Film über den 2019 begonnen Volksaufstand, der eine neue, gerechte Verfassung forderte. Über 1,2 Millionen Menschen gingen damals auf die Strassen und Plätze der Hauptstadt Santiago de Chile. Die Bilder dieser Massen gehen einem  nicht leicht aus dem Kopf. Trotz massivsten Polizeieinsätzen machten die Demonstriereden unbeirrbar weiter.
Sie hatten überraschenderweise Erfolg. Eine eigens dafür geschaffene Volksvertretung erarbeitete eine neue Verfassung – unter dem Präsidium einer Frau https://www.trigon-film.org/de/screeningsaus dem Volk der indigenen Mapuche.
«Mi país imaginario/mein imaginäres Land» ist ein mutmachender Film, der höchst anschaulich zeigt, dass das Volk die Initiative für Veränderung ergreifen kann.
Und nun das grosse Allerdings: Nach Fertigstellung des Films stimmte Chile über die neue Verfassung ab. Nachdem 80 Prozent der Chilenen für die Einsetzung einer verfassungsgebenden Versammlung waren, wurde der Entwurf nur von 40 Prozent des Stimmvolks angenommen.
Walter Ludin

Anfang/Mitte Oktober kommt der Film an zahlreichen Orten in die Kinos. Abspieldaten: www.trigon-film.org/de/screenings:
Frauenfeld, Luna: im Oktober
Baden-Wettingen, Orient: ab 6. Oktober
Basel, kult.kino: ab 6. Oktober
Bern, Rex: ab 6. Oktober
Chur, Kinocenter: 13. Oktober
Frauenfeld, Luna: im Oktober
Männedorf, Wildenmann: 9. und 15. Oktober
Olten, Lichtspiele: 18. Oktober
Schaan, Skino: ab 6. Oktober
Solothurn, Uferbau: ab 30. Oktober
St. Gallen, Kinok: ab 6. Oktober
Uster, Qtopia: 31. Oktober und 1. November
Zurich Film Festival : 22. September – 2. Oktober
Zürich, Xenix: ab 2. Oktober


Mutige Bischöfe – selbstbewusste «Laien»
Bischöfe, die gegenüber dem Vatikan beharrlich die Positionen der Kirche Schweiz vertreten; und «Laien», die im Verlauf der Synode 72 immer klarer ihre Würde als Mitglieder des Volkes Gottes entdecken: Dies fällt mir ein, wenn ich an die Synode 72 zurückdenke.
Beharrliche Bischöfe
Schon im Vorfeld der Synode zeigten unsere Bischöfe Beharrlichkeit. Es störte sie, dass nach den vatikanischen Vorgaben wenigstens die Hälfte der Teilnehmenden Kleriker sein mussten. Sie hätten lieber mehr Laien einbezogen. Die fiel ihnen ein «Trick» ein: Auch die Ordensleute sollten zum Klerus zählen, womit die Laien stärker vertreten waren. Der Vatikan war dagegen. Doch die Bischöfe liessen nicht nach und setzten sich schliesslich durch.
Auch unmittelbar nach der Synode zeigte sie ihre Beharrlichkeit gegenüber «Rom». Nach den guten synodalen Erfahrungen trugen sie den Beschluss der Synodalen in den Vatikan, einen gesamtschweizerischen Pastoralrat zu gründen.
Die obersten Kirchenleitung war offenbar vom Schreck erfüllt, den das 1966 gegründete niederländische «Pastoraal Concilie» mit seiner Reformfreudigkeit in ihr ausgelöst hatte. Zum eindeutigen Postulat der Schweizer Kirche kam ein Njet. Darüber orientierte Bischof Pierre Mamie am Gesamtschweizerischen Pastoralforum, das überprüfte, was aus den Texten der Synode geworden war. Der Präsident der Bischofskonferenz sagte vielsagend, betreff Pastoralrat sei Rom noch kein «definitiver Entscheid» eingetroffen. Im Klartext: Wir akzeptieren das vatikanische Nein nicht. Doch der Schweizer Widerstand war vergeblich …
Warum ich in diesem Rückblick den Bischöfen relativ viel Raum gebe: Es war einmal möglich, dass sie gegenüber Rom selbstbewusst auftraten. Und heute …?
Die Laien erwachen
In den drei Synodenjahren konnten die Laien den Bischöfen – wie man heute sagen würde – «auf Augenhöhe» begegnen. Es gab keine Gegenüber, sondern ein Miteinander. In Synode von unserm Bistums Basel legte Bischof Anton Hänggi ein einziges Mal ein Veto ein, und zwar im Zusammenhang des Dokuments über die Sexualität. Der Text, der unter wesentlicher Beteiligung von Jugendlichen entstanden war, ging dem Bischof zu weit. Er wurde überarbeitet. Die meisten waren der Auffassung, er sei besser geworden. Jedenfalls verlief die Angelegenheit auf beiden Seiten ohne jegliche Aggressionen.
Wie sehr das Selbstbewusstsein der Laien gewachsen war, erlebte ich am erwähnten Pastoralforum. Eine Katechetin aus einem kleinen Aargauer Dorf stellte den Bischöfen eine Frage betreff den Synodenergebnissen und der Nacharbeit. Wiederum antworte Mamie. Doch die Fragestellerin gab sich mit der Antwort nicht zufrieden. Sie stand auf und hiess den Bischof stehen zu bleiben, bis ihre Anfrage vollständig beantwortet sei. Es war wie in der Schule, wenn der Lehrer die Schüler abfragt – nur mit vertauschten Rollen! Ich halte es für unmöglich, dass das Verhalten der Frau vor der Synode denkbar gewesen wäre.
Kardinal Woityla an der Synode
Ich möchte noch eine Episode anfügen, deren Hintergründe nur Insidern bekannt sind: dem Kurzbesuch des damaligen Kardinal-Erzbischofs von Krakau, dem späteren Papst Johannes Paul II. Er war eine Enttäuschung. Der Kardinal hielt eine kurze Ansprache und verschwand. Wie mir Ivo Fürer erzählte, war es ganz anders geplant. Der damalige Sekretär des Rates der europäischen Bischofskonferenzen/CCEE hatte den Krakauer Bischof als verhältnismässig offen und lernfähig erlebt. Er wollte ihm zeigen, wie Synodalität konkret aussieht. Ohne Erfolg: Als später Ivo Fürer mit dem Papst ass, meinte dieser, es sei skandalös gewesen, dass ein einfacher Priester als Präsident zuoberst war und unter ihm die Bischöfe. Er übersah, dass der damalige Priester, inzwischen Bischof geworden, ihm gegenüber sass ….

23. September 2022 | 08:29
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
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