Die palästinensische Bevölkerung ist dem israelischen Militär ausgeliefert. © zvg
Walter Ludin

«Ein Land ohne Volk, für ein Volk ohne Land»?

«In Basel habe ich den Judenstaat gegründet», schrieb Theodor Herzl 1897, unmittelbar nach dem 1. Zionistenkongress in sein Tagebuch. Seine Idee, in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk zu grünen, untermauerte er mit dem eingängigen Slogan: «Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.»

Ob er es wusste oder nicht: Dieses Motto widersprach völlig den Tatsachen. Denn in diesem «volklosen» Land gab es wichtige Städte wie Haifa, Jaffa und Gaza. Und unzählige Dörfer!

400 zerstörte Dörfer
Ich kann hier auf eine Landkarte verweisen, die vor 1948, der israelischen Staatsgründung, entstand und in unserer Klosterbibliothek liegt. Sie zeigt eine unübersehbare Anzahl palästinensischer Dörfer. Rund 400 wurden als Folge der israelischen Staatsgründung zerstört. Thomas Bieger, der Präsident des Schweizer Heiliglandvereins berichtet in der vorletzten Ausgabe der Zeitschrift «Heiliges Land» von einem solchen Dorf:

Das Dorf war christlich. Zu sehen waren noch die Ruinen der zerstörten Dorfkirche. Dazu Bieger: «Die Dorfältesten berichteten über ihre Vergangenheit. 1948 empfingen sie mit einer Friedensfahne eine Armeedelegation, die das Dorf inspizierte und bewirtete sie freundlich. Drei Jahre später wurden alle 700 Einwohner des Dorfes verwiesen mit dem Vorwand, dies hier sei nun gefährliche Militärzone. Die Delegation erklärte, die Dorfbewohner dürften in zwei Wochen zurückkehren. Ein Versprechen, das nicht eingehalten wurde. Am 24. Dezember (!) 1951 wurde das ganze Dorf in die Luft gesprengt.» Nur eines von vielen, vielen Beispielen!

Kritik = antisemitisch
Wer den Staat Israel wegen solchen Fakten (!) kritisiert, gilt bald einmal als antisemitisch. Doch Berthold Rotschild, einer der führenden Kräfte der hiesigen jüdischen Gemeinschaft schreibt dazu in einem Beitrag für swissinfo: Er verstehe, dass die israelische Politik und ihr Umgang mit den Palästinenser:innen viele Linke empöre – und die Empörung sei ja oft begründet.

In unserm Land erinnert vor allem die Gesellschaft Schweiz-Palästina an das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung in Geschichte und Gegenwart. In einer Erklärung zu 125 Jahre Zionistenkongress heisst es:

«Die GSP setzt sich ein für die Gleichstellung aller Menschen im ganzen von Israel beherrschten Land. Sie wendet sich gegen jede Form von Rassismus und Apartheid.»

Die palästinensische Bevölkerung ist dem israelischen Militär ausgeliefert. © zvg
1. September 2022 | 07:39
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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9 Gedanken zu „«Ein Land ohne Volk, für ein Volk ohne Land»?

  • stadler karl sagt:

    Immer die gleiche Leier: Wer Kritik an gewissen Teilen der Regierungspolitik Israels und deren Fehlleistungen übe, gelte als antisemitisch. Sie finden kaum jemanden, weder in Israel noch anderswo, der solches ernsthaft behauptet.
    Wer hingegen immer nur einseitig und verzerrt auf die Fehler Israels hinweist, diese völlig aus dem Zusammenhang reisst, den palästinensischen und weiteren israelfeindlichen Terrorismus, die Geschichte, die zur Staatsgründung führte und die Geschichte des Staates Israel ausblendet, oder den Staat Israel der puren Apartheid und des Rassismus beschuldigt und implizit die Legitimität von dessen Existenzrecht in Frage stellt, wie dies teilweise an der Versammlung des WCC wieder versucht wird, weist gewiss antisemitische Tendenzen auf.
    Und für die christlichen Kirchen wäre ohnehin sehr grosse Zurückhaltung geboten. Hat doch der jahrtausendealte christliche Antijudaismus die geistige Saat für das Gedeihen des Antisemitismus bereitet.

    • Margrit Grünwald- Reinhard sagt:

      Herr Stadler spricht ein wichtiges Thema deutlich und klar an. Nicht zu vergessen, dass gleich nach der Staatsgründung von Israel, am nächsten Tag der Iran Israel die Existenz abgesprochen hat. Heute noch hält der Iran daran fest und unterstützt Terroristen, bildet sie aus, schickt Waffen. Die Siedlungen, die Israels Regierung angeordnet hat, sind zu verurteilen. Diese müssten rasch rückgängig gemacht werden.
      Weiter ist die Frage zu stellen, warum es notwendig wurde den Staat Israel zu gründen? Die Judenverfolgung in Europa und in andern Teilen der Welt war seit Jahrhunderten in vollem Gange. Ohne diesen Staat hätten jüdische Menschen nach den Naziverbrechen keinen Flecken Erde als sicheren Ort bezeichnen können. Die katholische Kirche hat weit stärker und in viel grösserem Masse antisemitische Tendenzen mitgetragen. Im umgekehrten Sinne ist kaum etwas bekannt.

  • Pia Tschupp sagt:

    Nein, lieber Herr Stalder, wir haben sie nicht mehr, die Zeit für “Immer die gleiche Leier”. Wir drehen uns im Kreis bei diesem Tanz (zur Leier).
    Letzten Sonntag war ich Teil einer Gesprächsrunde mit je zwei Juden, Muslimen und Christen und habe erleben dürfen, wie ein Rabbi und ein Palästinenser aus Gaza sich die Hand reichen und umarmen mochten. Und dies nach einer ersten Begegnung unter dem Motto: “Wir werden Frieden finden, wenn wir bereit sind, unsere Augen und Ohren füreinander zu öffnen.”
    Yes, we can! Auch wir!

  • Walter Ludin sagt:

    leider funktioniert das toll “kommentar genehmigen” nicht. darum habe ich den komm. von jojo murer reinkopiert:
    jüdische Menschen sind nicht die einzigen Semiten!

  • Pia Tschupp sagt:

    Bei den SIEDLUNGEN im besetzten Westjordanland handelt es sich (auch) um viele Grossstädte mit intakter Infrastruktur. So rasch können diese wohl nicht rückgängig gemacht werden …
    Wo denn sollen all die Menschen, >500 000, untergebracht werden???
    In Tel Aviv? Im Negev? Am Toten Meer?

    • Den drei Religionen. Und es ist äusserst polemisch, wenn von Islamisten, statt von Muslimen die Rede ist. Wie würden wir reagieren, wenn es “katholikale” statt “katholiken” heissen würde??

  • Hanna Lehming sagt:

    Das Motto: “ein-land-ohne-volk-fuer-ein-volk-ohne-land” stammt nicht von Theodor Herzl, wie Sie behaupten. Bitte, halten Sie sich an die Fakten! Lesen Sie nur einmal Herzls Schrift “Altneuland”. Das Motto wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderst von Christen benutzt. Israel Zangwill, der es auch benutzt haben soll, suchte dieses Land gar nicht in Palästina, sondern wurde ein sog. “Territorialist”.

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