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Priester: «Gute Hirten» zwischen Identitätskrise, Liturgie und Mission

Das Schema über Dienst und Leben der Priester glich in der vierten Session nach wie vor eher einem Entwurf denn einem ausgearbeiteten Text. Um die Überarbeitung des in der vierten Session vorliegenden Textentwurfs machte sich besonders der Relator, Erzbischof François Marty (Reims, später Paris) verdient, der seit dem 22. Februar 1965 auch der Mission de France vorstand. Angesichts einer allgemeinen Unzufriedenheit organisierte Marty neben seiner Arbeit als Relator eine französischsprachige Arbeitsgruppe, die einflussreiche Leitlinien formulierte: «theologische Definition des Priesteramtes auf der Linie der Theologie des Apostels Paulus; Betonung des missionarischen Aspekts; eine klare Darlegung der Gründe für den Zölibat; und schliesslich Beauftragung der Bischofskonferenzen, die Bedingungen für die Ausübung des Priesteramtes zu definieren.»
Bei der am 14. Oktober 1965 beginnenden Debatte eröffnete sich ein weites Feld von pastoralen, spirituellen und theologischen Akzentsetzungen. «Alles in allem wurden hier die unterschiedlichen Züge einer sehr komplizierten Situation sichtbar, die im allgemeinen als ‹Krisis› der Lebensbedingungen des Priesters definiert werden kann, die aber vom Schema nur zum kleinsten Teil angemessen dargestellt wurde.» Während einige Redebeiträge des 14. Oktober 1965 – z.B. die Intervention von Kardinal Ruffini (Palermo/Italien) – eher eine «kultisch-liturgische» Sicht des Priesters betonten, stand der 15. Oktober 1965 ganz im Zeichen eines vielstimmigen Plädoyers für ein «missionarisches» Priesterbild. In diesem Sinne äusserten sich u.a. die Kardinäle Tatsuo Doi (Tokio/Japan), Alfrink (Utrecht/Niederlande), Suenens (Mechelen-Brüssel/Belgien) und Rugambwa (Rutabo/Tansania).
Einen Vermittlungsversuch stellte der Beitrag von Kardinal Léger (Montréal/Kanada) dar, für den das – recht verstandene – Bild des «Guten Hirten» einen «Gegensatz zwischen innerer und äusserer Aktivität, zwischen kultischer und missionarischer Funktion» zu überwinden hilft. Kardinal Lercaro (Bologna/Italien) seinerseits führte Gedanken seines theologischen Beraters Dossetti weiter, demzufolge die Spannung zwischen Teilhabe an und Abstand zur «Welt» mit der Kategorie der «prophetischen Existenz» fruchtbar gemacht werden könne.
(mq; A 5, 277f.281f.)

15. Oktober 2015 | 00:01
von Konzilsblogteam
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