Katholische Kirche nach dem Mauerbau
«Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 war eine Option für viele DDR-Bürger obsolet geworden – die Flucht in die Bundesrepublik. Für die Gläubigen bedeutete dies vor allem auch, dem ideologischen und politischen Druck, ohne die Möglichkeit sich ihm zu entziehen, ausgesetzt zu sein. Verlangten die Gläubigen von den Bischöfen vor 1961 eine einseitige Westorientierung, da nur so die Einheit der Kirche in beiden Teilen Deutschlands zu erhalten sei, so wurden nun unter Katholiken Stimmen laut, die eine Anerkennung des Staates DDR durch die Bischöfe forderten.
1961 trat ein Mann an die ‹Spitze› der katholischen Kirche, dessen Amtszeit bis zu seinem Tod 1979 als ‹Ära› bezeichnet wurde, Alfred Bengsch. Fest steht, dass Bengsch wichtige theologische Grundentscheidungen für die katholische Kirche in der DDR herbeiführte und schliesslich – kollegial verantwortet – traf. Alfred Bengsch ist es gelungen, die überaus schwierigen Verhältnisse für die katholische Kirche in der DDR nach dem Mauerbau zu ordnen. Es galt, den Zusammenhalt der Kirche zu sichern, was sowohl das geteilte Bistum Berlin betraf als auch die gesamte Kirche in der DDR. Angesichts staatlicher Ansprüche, aber auch innerkirchlicher Entwicklungen wusste er die Einheit und Geschlossenheit der katholischen Kirche zu wahren … Einerseits erläuterte Bengsch Christsein als In-der-Welt-Sein und definierte u.a. caritatives Handeln als ‹die Möglichkeit eines Hineinwirkens in die Gesellschaft, wie sie auf keinem anderen Gebiet in vergleichbarer Weise möglich ist›. Andererseits hatte er gegen die Pastoralkonstitution ‹Gaudium et spes› gestimmt, die den Weltdienst der Christen postulierte. Dieser Dialektik entsprach auch ein Bild, mit der er Christsein in der DDR umschrieb: Der Christ sitzt in der Löwengrube. Er wird den Löwen aber weder streicheln noch am Schwanz ziehen. Zweifellos war mit diesem Bild eine Kompromissformel umschrieben, die, bedenkt man die überaus komplizierten Anfänge von katholische Kirche in der DDR, ein ‹Überleben› zu sichern schien.»
(Giancarlo Collet; Zitat: J. Pilvousek, Die katholische Kirche in der DDR. Beiträge zur Kirchengeschichte Mitteldeutschlands, Münster 2014,154f)
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