Womit soll angefangen werden?
Für die lateinamerikanische Kirche war die Katholische Aktion mit ihren verschiedenen Zweigen von besonderer Bedeutung. So begannen in den fünfziger und sechziger Jahren engagierte Christen aus der Katholischen Arbeiterjugend (JOC), Katholischen Universitätsjugend (JUC), Katholische Jugend an Gymnasien (JEC) u.a., ihren Glauben im Dienste an den Armen zu verstehen. Die mehrheitlich der Mittelschicht angehörigen Laien waren wegen des von ihnen wahrgenommenen Widerspruchs zwischen Evangelium und Wirklichkeit besorgt und suchten deshalb die Einheit von Glauben und Leben. Dabei wurde mit dem methodischen Dreischritt von Sehen, Urteilen und Handeln verfahren. Diese aus der Arbeit von Joseph Cardijn (1882-1967) stammende Methode trug nicht zuletzt zur Sensibilisierung für soziale und politische Probleme bei (vgl. Konzilsblog vom 24.7.2014). Dasselbe methodische Vorgehen fand seinen Niederschlag in den Abschlussdokumenten von Medellín und Puebla.
Auf der Konferenz von Santo Domingo 1992 kam es jedoch zu einem «roll back». In der theologischen Arbeitsweise entschied sich diese Konferenz nämlich für einen folgenschweren Wechsel. Die theologisch-pastorale Reflexion wurde im Unterschied zu Medellín und Puebla nicht mehr nach dem methodischen Dreischritt von «Sehen-Urteilen-Handeln» durchgeführt. Am Anfang stand vielmehr eine theologische Fundierung, worauf dann die Herausforderungen und schliesslich die pastoralen Linien folgten, d.h. die Methode hiess jetzt: «Urteilen-Sehen-Handeln». Dies bedeutete gegenüber den vorangegangenen beiden Konferenzen einen theologischen Rückschritt, was u.a. auch damit zusammenhing, dass nahezu die Hälfte der stimmberechtigten Mitglieder dieser Konferenz von Rom eingeladen worden waren und darüber hinaus eine unklare, nicht angekündigte, sondern erst bei Konferenzbeginn ausgehändigte Geschäftsordnung vorlag, in der die ortskirchliche Kompetenz gegenüber den bisherigen Generalversammlungen (römisch) beschnitten wurde. Viele Bischöfe und mit ihnen zahlreiche Ortskirchen waren von der Konferenz und ihren Ergebnissen deshalb enttäuscht. Die Spannungen, die seit längerem zwischen einem «römischen Zentralismus» und der viel besungenen und beschworenen Eigenständigkeit der Ortskirchen schwelten, wurden offensichtlich, wobei daran zu erinnern ist, dass der lateinamerikanische Katholizismus nie ein einfarbiges Bild bot.
(Giancarlo Collet)
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