Nüchterne Kritik an frommen Übertreibungen/Unwahrheiten
Mit den Priestern befasst sich nicht nur das in den vergangenen Tagen besprochene Dekret Presbyterorum Ordinis, sondern auch ein Dekret über die Ausbildung der Priester (Optatam Totius). Der Entwurfstext dafür ist Gegenstand eines Briefes, den Kardinal Julius Döpfner am 19. Mai 1965 an P. Augustin Mayer OSB (damals Rektor von Sant’Anselmo und Sekretär der für das Dekret zuständigen Kommission) schreibt.
Nach einer ersten Würdigung der überarbeiteten Fassung trägt Döpfner mehrere Kritikpunkte vor.
«In den Fragen der Seminarerziehung scheinen mir die Zügel im Sinne der traditionellen Methoden wieder stärker angezogen zu sein (Notwendigkeit einer weitgehend von der Umwelt abgeschlossenen Erziehung, Disziplin, Frömmigkeitsübungen)» (Dö 656). Es schwinge in einigen Ergänzungen ein «gewisser klerikaler Ton» mit; es werde der Gedanke der Besonderheit und Auserwählung betont, «der jungen Menschen oft gar nicht gut tut» (Dö 657). Demgegenüber werde «das Humanum des künftigen Priesters sowie seine spätere Zusammenarbeit mit den Laien […] kaum und nur sehr vorsichtig berührt» (Dö 656).
Weiter beanstandet Döpfner manche spiritualistischen Gedanken. So solle man das Seminar trotz seiner unbestreitbaren Bedeutung nicht «cor dioecesis [Herz der Diözese]» nennen.
Die Rede von ungeteilter Liebe aus 1 Kor 7,33f dürfe nicht für Priester (und Ordensleute) reserviert werden. Deswegen sei der Ausdruck im Text über das Ordensleben gestrichen worden und müsse auch hier getilgt werden. «In der gleichen Nummer ist der Ausdruck ‹ab omni vinculo liberi [von jeglichem Band/von jeglicher Fessel frei]› nicht nur eine fromme Übertreibung, sondern einfach unwahr. Darum einfach auslassen!» (Dö 658).
Schliesslich sei der appellative Grundgedanke, dass die Seminarerziehung auf das künftige Leben als Priester vorbereiten solle, geändert worden: «Jetzt heisst es: Die erbauliche Seminarordnung mit Silentium und Gebet ist mehr oder weniger Modell für das künftige Leben des Priesters» (Dö 658).
(emf)
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