Glauben wir alle aus zweiter Hand? Zur Mission Manifest-Tagung
Wie auf kath.ch berichtet (z.B. hier) fand letzte Woche an der Uni Fribourg eine durchaus kontroverse Tagung zum Mission Manifest statt. Eine spannende und vor allem Gedanken-anregende Sache, deshalb ein paar Überlegungen von mir dazu:
Einer der Haupt-Kritikpunkte am Mission Manifest ist seine Vernachlässigung der sozialen Dimension des Glaubens – von Daniel Kosch spitz ausgedrückt mit «Das Mission Manifest spart die Bergpredigt aus und halbiert die Botschaft des Papstes» – weil es seine Aufrufe zu sozialem Engagement ignoriert. Worüber sich Initiator Johannes Hartl recht erstaunt zeigte, der selbst eine Trennung von Mission und diakonischer Arbeit wahrnimmt, die er falsch findet – warum sollten wir unseren Glauben nicht mit Menschen in Not teilen? Da hat er meiner Meinung nach nicht unrecht, allerdings vermutlich anders, als er denkt: Für viele Menschen in Not ist nach meiner Erfahrung ihr Glaube enorm wichtig. Das wissen auch Menschen, die sozial arbeiten. Ich habe im Rahmen von Sozialprojekten mit Flüchtlingen nigerianische Kirchenlieder gesungen, mit psychisch kranken Menschen Bibelstellen meditiert, einen interreligiösen Gottesdienst mitgestaltet und viele Gespräche über Gott geführt.
Wichtig daran – und da bin ich mir nicht so ganz sicher, ob Herr Hartl das genauso sieht – ist mir: In Sachen Gotteserfahrung und -beziehung bin ich nicht überlegen, bloss weil ich klassisch-katholisch-praktizierend glaube. Genau das Thema Gott ist eines, bei dem wir alle, ob «Klient» oder «Helferin», uns auf gleicher Ebene austauschen können. Was nicht heisst, dass ich mit allen Gottesbildern, die mir da so begegnen, einverstanden bin oder sie mir gar zu eigen mache. Manche sind mir zu einfach gestrickt. Dann versuche ich, herauszufinden, ob meinem Gegenüber seine Gottesbeziehung hilft, mit seiner schwierigen Situation besser zurechtzukommen. Es gibt Menschen, die davon leben, ihre Verzweiflung an Gott auszudrücken. Es gibt andere, die sich mit Lobpreisliedern davor retten.
Ein anderer Aspekt: In Übereinstimmung mit These Nr. 1 (die Thesen sind hier nachlesbar) hat Johannes Hartl die «Erfahrung aus zweiter Hand» zum Problem der Volkskirche erklärt. Woraufhin ihm entgegnet wurde, dass wir alle ChristInnen aus zweiter Hand sind, weil niemand von uns Jesus als Menschen direkt erlebt hat. Was ist dann die Relevanz von Gotteserfahrung, die Mystikerinnen (die wir ja nach Rahner alle sein sollten) und charismatische Christen zentral finden, aber vielleicht unterschiedlich erleben? Ist die nicht aus «erster Hand»?
Ziemlich erhellend finde ich da die Arbeit von Tanya Luhrmann, einer Anthropologin, die zu dem Schluss gekommen ist, dass Menschen (zum Beispiel in charismatischen Gruppen oder auch ignatianischen Exerzitien) ihr Gehirn so umstrukturieren, dass sie sensibler für «Erfahrungen Gottes» werden und diese dann tatsächlich häufiger machen. Unter der Annahme, dass Gott existiert, heisst das: Ein so umstrukturiertes Gehirn kann dazu helfen, tatsächlich mehr von Gott wahrzunehmen – auch wenn die so gemachten Erfahrungen nicht eins zu eins mit Gott gleichsetzbar sind. Was bedeutet: Wir können aus mehr als zweiter Hand glauben, auch wenn wir Jesus die real nicht schütteln können.
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