Rückblick auf die Synode 72, 2. Teil
Ein «Heiliger» an der Synode 72
Und: Vorbereitung der Synode
Der damalige Kardinal-Erzbischof von Krakau namens Wojtyla, später zu Johannes Paul II. geworden und noch später «Heiliger» genannt, besuchte in Bern die interdiözesane Synodenversammlung; auf Einladung von Ivo Fürer, dem Präsidenten dieser Synode. Man darf ruhig sagen: Der Besuch war ein Flop. Es begann schon mit der Ankunft des Gastes: Unsere Sekretärinnen erzählten mir nachher mit feuchten Augen, dass der Kardinal an ihnen vorbeischwebte und sie, wie Karl Valentin sagen würde, «nicht einmal ignorierte». Sie waren halt Frauen und erst noch subalterne Angestellte …
Als Ivo dann Bischof von St. Gallen war und beim Johannes Paul II. frühstückte, sagte dieser voller Entsetzen, er habe in Bern gesehen, wie ein Priester auf dem Sitz des Vorsitzenden war, während die Bischöfe eine Etage tiefer sassen. Eine Umkehr des hierarchischen Prinzips!
Übrigens: Ivo Fürer verriet mir, er habe den polnischen Kardinal eingeladen, um ihm zu zeigen, wie Mitsprache des Volkes Gottes konkret funktionieren könne. Dazu kam es nicht. Der spätere «Heilige» verliess die Versammlung, ohne dass er auch nur eine Minute der Debatte zugehört hatte …
Vorbereitung der Synode 72
Ich erinnere mich noch gut, dass ich 1969 – wie alle Katholiken und Katholikinnen der Schweiz, einen Brief in der Post vorfand mit der Einladung, mitzubestimmen, welche Themen an der Synode behandelt werden sollte.
Das Echo war enorm. Nachdem die Bischöfe im erwähnten Schreiben darum gebeten hatten, ihnen eine Karte mit den gewünschten Themen zurückzuschicken, bekamen die Frauenklöster, die mit der Auswertung betraut wurden, während langer Zeit Post, die unzählige Waschkörbe füllten.
Stellt euch mal vor, wie heute das Echo ausfallen würde. Ausser ein paar unentwegten Optimisten würde sich kaum jemand melden. Warum war es damals anders? Ich meine, dass zwei Faktoren eine Rolle spielten:
- Da war das Konzil gewesen, das den Gläubigen zeigte, dass die Kirche sich bewegt; dass sich vieles ändern kann.
- Und vielleicht spielte auch die Erklärung mit, welche die Bischöfe nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in der Schweiz zur Enzyklika Humanae vitae abgegeben hatte. Sie zeigte, dass die Bischöfe die Sorgen der Gläubigen ernst nahmen und nicht nur wortreich und nichtssagend die Position des Vatikans auch gegen bessere Einsicht verteidigten.
Noch etwas muss bezüglich Vorbereitung der Synode 72 unbedingt erwähnt werden. Gemäss Kirchenrecht musste eine Synode zur Hälfte aus Klerikern bestehen. Die Bischofskonferenz fand – wohl auf Vorschlag des Kirchenjuristen Ivo Fürer, damals Bischofsvikar in St. Gallen, eine elegante Lösung. Dank taktischem Geschick bekamen sie das Zugeständnis, dass die beteiligten Ordensfrauen und Laienbrüder zu den Klerikern gezählt wurden. Und schon war Platz geschaffen für Dutzende zusätzlicher Laien als Vollmitglieder der Synode. Die so genannten Laien waren gleichberechtigt wie die Priester.
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Karl Staler sagt:
Trotz seiner rigidien Auffassungen als Papst bezüglich Sexualmoral und vielleicht auch anderweitiger Themen bezüglich Kirchenpolitik: Wojtyla zeigte auch sehr beachtenswerte Seiten, die gerne ausgeblendet werden und die ruhig auch einmal in Erinnerung gerufen werden dürfen. Immerhin war er der Papst, der der Erklärung von Nostra aetate erstmals von oberster Stelle Wirkung verlieh und das über Jahrtausende schuldverstrickte Verhältnis der Kirche zum Judentum und zum Holocaust thematisierte. Ich meine, das war aus historischer Optik ein Quantensprung!
Die zweite Hälfte der sechziger Jahre sind mir ebenfalls in bester Erinnerung. In der Schule, mehrheitlich unterrichtet von Mönchen, waren wir damals im Geschichtsunterricht keineswegs in der Antike oder im Mittelalter stehen geblieben. Nein, auch die Zeitgeschichte des 20. jahrhunderts wurde thematisch, wenn auch nur in groben Zügen, behandelt. Es war schon erstaunlich: Die Shoa bildete, obwohl beispielsweise der Eichmann-Prozess anfangs der sechziger Jahre bei nur einigermassen Interessierten relativ gut bekannt war, im Unterricht schlicht kein Thema. Wojtyla ist es als sehr grosses Verdienst anzurechnen, dass dieses Thema nach der Erklärung von Nostra aeteate, wie auch allgemein die Beziehung der Kirche zu andern Religionen, innerkirchlich nicht einfach unterging und dieser Frage auch von seiten der Kirche eine gewisse Aufmerksamkeit erhalten blieb.
Karl Stadler sagt:
Wojtyla hat innerkirchlich gewiss einer rigiden Sexualmoral das Wort geredet und ist vielleicht auch kirchenrechtlich von einer hierarchischen und für den niederen Klerus und und für die Gläubigen an der Basis nicht in allen Belangen zugänglichen Denkweise geprägt gewesen. Aber vielleicht war sein Ponitifikat trotzdem auch von äusserst positiven Handlungen gekennzeichnet. Immerhin ist er derjenige Papst, der ebenfalls aktiv darum bemüht war, dass die Wirkung der Erklärung von Nostra aetate aus dem Jahre 1965 nicht sang- und klanglos verhallte. Er war es, der als erster Papst eine Synagoge aufsuchte und der u.a. das über Jahrtausende schuldverstrickte Verhältnis der Kirche zum Judentum in seiner Eigenschaft als Papst thematisierte und es in ein Schuldbekenntnis der Kirche gegenüber dem Judentum einfliessen liess. Die Bekräftigung einer Entwicklung, deren Bedeutung und Symbolkraft nicht unterschätzt werden sollte!
An die zweite Hälfte der sechziger Jahre vermag ich mich noch sehr gut zu erinnern. Im Gymi, in dem damals mehrheitlich Mönche unterrichteten, blieb der Geschichtsunterricht keineswegs in der Antike oder im Mittelalter stehen, sondern stiess, wenn auch nur in groben Zügen, in die moderne Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderst, so auch zu den Weltkriegen und der Nazi-Herrschaft vor. Jedoch erstaunlich war, dass der Holocaust damals, gut zwanzig Jahre nach Beendigung der Nazi-Herrschaft, im Unterricht schlicht kein Thema bildete, als ob es ihn niemals gegeben hätte. Nicht dass diese Katastrophe, wenn vielleicht auch noch nicht so intensiv erforscht wie heute, völlig unbekannt gewesen wäre. Als Jugendlicher hatte man beispielsweise vom Eichmann-Prozess in Jerusalem am Rande sehr wohl etwas mitbekommen.
Die erste Diskussion über dieses Thema, wo relativ viele junge Menschen daran teilnahmen, erlebte ich weder an einer Veranstaltung an der Uni, am Gymi noch innerhalb einer Studentendiskussion, sondern ausgerechnet 1969 in der RS im Militär. Jeweils am Samstagmorgen, bevor wir in den Urlaub entlassen wurden, fanden die Kompagnie-Aussprachen statt. Da ging es keineswegs immer bloss um dienstliche Belange, sondern es wurde über Gott und die Welt diskutiert, über Politik und gesellschaftspolitische Aspekte. Das eine mal wurde intensiv der Holocaust thematisiert, wo darüber gesprochen wurde, wie während des Krieges massenhaft wehrlose Menschen systematisch vernichtet wurden, bloss weil sie Juden waren oder einer anderen Minderheit angehörten. Gewiss, es war kein universitäres Seminar. Dennoch wurde der Schrecken dieser Katastrophe allen nachhaltig ins Bewusstsein gerufen. Im Kontext solcher Themata und vor dem Hintergrund der Krichengeschichte lässt sich wohl kaum bestreiten, das Wojtyla auch äusserst Wertvolles geleistet und ein Stück weit kirchenpolitisch zu einer Zäsur beigetragen hat.
stadler karl sagt:
Entschuldigung, am Vormittag hattes es mir den Kommentar nicht angenommen. Aus Versehen steht nun ein weiterer zu diesem Thema in der Kommentarspalte. Irgendetwas ist da technisch völlig schief gelaufen. Es war nicht beabsichtigt. Ich hoffe, dass sich niemand allzu sehr nervt. Es ist mir wirklich peinlich.