Späte Rehabilitation
Ich kommentiere eine erstaunliche Pressemitteilung, die mir über unser Organ hier zu Ohren gekommen ist: Heiner Wilmer, seit wenigen Monaten Diözesanbischof von Hildesheim, hat in einer Stellungnahme zu den Skandalen in der katholischen Kirche den Theologen Eugen Drewermann wie folgt beurteilt (Zitate aus dem Kölner Stadt-Anzeiger):
Dessen dreiteiliges Werk «Strukturen des Bösen» sei aus heutiger Sicht ebenso prophetisch gewesen wie sein Buch «Kleriker. Psychogramm eines Ideals». Wilmer sagte wörtlich: «Eugen Drewermann ist ein von der Kirche verkannter Prophet unserer Zeit.»
Das kommt nun doch sehr spät, nicht wahr? Ich verstehe dies aber nicht als Kritik an diesem jungen Bischof. Der mistet in seiner Diözese zum Thema sexueller Missbrauch aus: Das Bistum hat in den letzten Monaten nicht nur bestätigt, dass einer seiner Vorgänger beim Thema «fürchterliche Dinge zugedeckt» habe, sondern dass dessen Vorgänger sogar Täter gewesen sei. Wilmer im gleichen Interview:
Der Glauben an die «heilige Kirche» könne in Zukunft nur noch dann redlich bekannt werden, wenn man mitbekenne, dass diese Kirche «auch eine sündige Kirche» sei, führt der Bischof aus. Bisher hieß es, in der Kirche gebe es die Einzelnen als Sünder. Aber die Kirche an sich sei rein und makellos. «Davon müssen wir uns verabschieden.» Denn es gebe auch «Strukturen des Bösen» in der Kirche als Gemeinschaft. Um das Böse in der Kirche einzudämmen, bräuchte es eine wirksame Kontrolle der Macht in der Kirche. «Wir brauchen Gewaltenteilung.»
In der Not lehrt man beten, so das Bonmot. In der Not, die eine nicht enden wollende Kette von Berichten über Übergriffe von katholischen Klerikern an meist pubertierenden männlichen Jugendlichen oder sehr jungen Männern geschaffen hat (hier in diesem Blog schon gründlich und ausreichend kommentiert und auch rudimentär psychologisch begründet), erkennt man(n) nun erst, wen man damals verloren hat, als die Amtskirche Eugen Drewermann die Lehrerlaubnis entzogen und ihn als Priester suspendiert hatte. Dies hatte sie übrigens nicht etwa getan, weil er moralisch versagt hatte, sondern weil er in seinen exegetischen und kirchenstrukturellen Werken den Finger auf manche wunde Punkte gelegt hatte, die zwar wahr, aber unbequem waren. Leute wie George Pell (nun ordentlich verurteilt, vgl. NZZ) hingegen liess man in höchste Ämter aufsteigen!
Nicht viele haben wohl «Kleriker» (1989, Walter-Verlag Olten) bis zum bitteren Ende gelesen. Hätten dies damals insbesondere die Bischöfe, die Regenten und die Personalverantwortlichen der Diözesen getan, wäre uns einiges erspart geblieben, und es hätte (und das wiegt sehr schwer) in der neueren Zeit weniger Opfer gegeben. Aber nein: Unter dem Druck der Glaubenskongregation entzog der Bischof 1991 Drewermann die Lehrerlaubnis und erteilte ein Predigtverbot. (Wer damals Präfekt der Glaubenskongregation war, lässt sich leicht nachprüfen.)
Nochmals kurz zurück zu «Kleriker»: Drewermann zeigte damals eindrücklich, dass der Umgang, auch die spirituelle Führung, der Institution Kirche mit persönlichkeitsschwachen jungen Männern, die sich zum Priestertum berufen fühlten, zum Schaffen einer künstlich aufgestülpten neuen Existenz führte, mit der verheerenden Folge bis heute, dass diese sich nun als Unberührbare, gegenüber den Laien in einer anderen Dimension der geistigen Würdigkeit befindend, betrachteten. Und dazu gehörte und gehört natürlich, und das ist nun unmoralisch und unappetitlich zugleich, dass sie sich gestatteten, ihre offiziell nicht vorhandene Sexualität nach Belieben auszuleben (man lese etwa in Pittets Buch nach, wie sich das manifestierte).
Es ist tragisch, dies nachträglich so klar zu sehen. Nach allem, was ich weiss und lese, ist Eugen Drewermann (Jahrgang 1940), der 2005 aus der Kirche ausgetreten ist, ein sehr bescheiden lebender und anständiger Mensch. Da bleibt Bischof Wilmer nur noch die traurige Feststellung:
«Propheten waren schon in der Bibel Menschen, die ungeschminkt die Wahrheit sagten – und dafür ins Abseits gedrängt oder gar mundtot gemacht wurden.»
Ich denke, Ihr deutschen Bischöfe, dass wohl ein Gang nach Canossa angesagt wäre.
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.




karl Stadler sagt:
Trotz dieser Rehabilitation sei aber ein Einwand oder Zwischenruf dennoch erlaubt: Wenn Sie nun Ratzinger vor das Tribunal der Leserschaft zitieren, sollte im Sinne des Grundrsatzes “audiatur et altera pars”, der ja offensichtlich gerade der “heiligen Kirche” manchmal auch etwas fern lag, dennoch eine Verteidigung für den Angeklagten betreffend seine Rolle als Präfekt des Sanctum Officium bestellt werden. Ich kann diese Aufgabe als Nicht-Theologe natürlich nicht übernehmen.
Dennoch, in den Niederungen des Laienstandes drängen sich einem folgende Überlegungen auf: Angesichts der Umstände, dass die medial hoch aktuelle Missbrauchsthematik, die ja, sofern man wissenschaftlichen Unterschungen, z.B. in Deutschland, Vertrauen schenken darf, ein relativ weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen zu sein scheint, deren Relevanz manchmal aus dem näheren sozialen Umfeld gar bis hinein in die eigentliche Kernfamilie reichen kann, ganz offensichtlich viel älter ist als die Amtszeit des Angeklagten als Glaubenskongregationspräfekt; dass der Angeklagte in seiner Funktion als Pontifex, auch das sollte in der Anklageschrift erwähnt werden, hunderte von Priestern genau wegen dieses Problems aus dem Priesterstand entfernte, scheint es nicht so evident zu sein, dass sich sämtliche derartige Probleme allein auf antiquierte, krichenrechtliche Strukturen reduzieren lassen. Bezogen auf die Missbrauchsthematik : Dieses Phänomen ist auch aufgeklärtesten Kreisen in keiner Weise fremd. Als eines von vielen Stichwörtern möge nur die Odenwaldschule dienen.
Immerhin: Zu Zeiten, als Drewermanns Publikationen in den achziger Jahren Rekordumsätze erzielten und vielleicht ein wenig den Neid mancher Theologenkollegen weckte und er auch von damaligen Professorenkollegen und teilwelsie von deutschen Bischöfen nicht geschlossene Unterstützung erfahren durfte, auch von einem Walter Kasper nicht, äusserte sich der damalige Grossinquisitor der katholischen Kirche, Josef Kardinal lRatzinger, im Juni 1988 wie folgt: ” Psychoanalyse in Theologie und auch in Schriftauslegung zu integrieren ist in sich etwas Sinnvolles. Und ich glaube, dass Drewermann diesen Erfolg nicht hätte, wenn der Exegese nicht etwas fehlen würde.” Eine Aussage, die doch immerhin bedenkenswert ist!
Als dann Eugen Dewermann etwas später in dem von Ihnen zitierten Werk nicht allein auf die heiligen Bücher den psychoanalytischen Fokus geworfen hatte, sondern teilweise auch auf die involvierten Menschen, welche diese auszulegen hatten, also auf Würden- und Entscheidungsträger der Kirche und die weitere geweihte Priesterschaft, was ihn in der Folge vermutlich den Kopf kostete, so handelt es sich dabei nach meiner Meinung um einen anthroplogischen Mechanismus, der keineswegs spezifisch für die katholische Kirche steht. Es gibt vermutlich kaum eine Bewegung in der Geschichte, sei sie religiöser oder säkularer Provenienz, wo solches Verhalten nicht leicht zu Ausgrenzung, Verbannung, ja millionenfacher Vernichtung führen konnte, dies zumeist unter dem Titel von anzustrebender Wahrheit, Gerechtigkeit und Fortschritt.
Jedenfalls erinnert Drewermann ein wenig an Stephan Pfürtner, den ich in Freiburg einmal in einer Gesprächsrunde als sehr liebenswürdigen, zugänglichen und bescheidenen Menschen kennen lernen durfte.