Das Konzil und das billige T-Shirt
Das Zweite Vatikanische Konzil war nicht harmlos oder weltfremd. Es erinnerte an die Wirkmächtigkeit des Bösen. Das Konzil wies auf die ungerechten Strukturen, die das Handeln von Menschen mit prägen, unbeschadet ihrer bleibenden individuellen Verantwortlichkeit (GS 25; SC 109; LG 11). Es ging um strukturelle oder soziale Sünde. Demnach gibt es manifeste Objektivationen von Schuld, die aus der Sünde einzelner fortkommen und umgekehrt als soziale Strukturen wieder auf sie einwirken. So entsteht ein Wechselspiel von individuellem Fehlverhalten und der sündigen Prägung dieses Verhaltens durch Umwelt, Geschlecht, Kultur, Herkunft, Gesellschaft und Geschichte.
Dabei spannte das Konzil als echte Versammlung der Weltkirche einen globalen Horizont auf. In ihm kann man das genannte Wechselspiel heute realistisch erfassen. Wer zum Beispiel ein billiges T-Shirt kauft, hält damit einen globalen Unrechtszusammenhang mit Ausbeutung, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung in Gang. Der Warenkreislauf dreht sich selbst dann noch weiter, wenn man das T-Shirt in die Altkleidersammlung gibt. Dann wird es nämlich in Afrika weiterverkauft, wodurch die lokale Textilindustrie schon lange zusammengebrochen ist.
Dieses Beispiel macht den Ernst, aber auch die Tragik der sozialen Verantwortung von Christinnen und Christen deutlich. In keinem Fall darf man diese Verantwortung für die Sozialwelt, zu der das Konzil insbesondere die Laien in der Kirche ermutigt hat, nach der Art der alten Beichtschemata auf das Fehlverhalten von Einzelpersonen reduziert. Stattdessen gibt es immer eine Wechselwirkung von individueller und sozialer Schuld.
(Stefan Gärtner)
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