Vorzeichen eines Schismas
Während der Gebetswoche für die Einheit der Christen ist Yves Congar an verschiedenen Orten in Frankreich unterwegs: Nach Vorträgen in Toulon, Brignoles, Aix, Marseille, und Dieulefit predigt er am Sonntag in Nîmes in der Kathedrale, in Ste Baudile und in Ste Perpétue. So erfährt er hautnah, wie die Umsetzung der Liturgiereform in unterschiedlichen Weisen und Geschwindigkeiten vorgeht. Hier noch Latein in der «Vormesse», dort nicht.
Bei einem öffentlichen Vortrag abends macht Congar die leibhaftige Erfahrung einer Konzilsopposition, die sich aus politisch-reaktionären Kräften speist. Die Veranstaltung wird durch eine Demonstration gestört, «von seltsamen Gestalten nach Art der OAS», die z.B. «Congar nach Moskau» skandieren (Co 2,305). Bei der Organisation Armée Secrète handelt es sich um nationalistische Kreise, die ursprünglich gewaltsam gegen die Unabhängigkeit Algeriens Front machten. Die Polizei muss diese Personen aus dem Saal entfernen, bevor der Vortrag beginnen kann.
Was Congar zu schaffen macht, ist nicht der Widerspruch, sondern «die Unmöglichkeit einer menschlichen Sprache. Ich bin in meiner Menschlichkeit gedemütigt. Das Vorgehen dieser Leute hat KEINEN Bezug zur Wahrheit, zu irgendetwas Vernünftigem, zu irgendeiner Möglichkeit sich zu erklären, Dialog zu führen, die Sprache für das zu gebrauchen, für das sie gemacht ist» (Co 2,306).
Congar sieht hier Anfänge eines Schismas. «Ich leide daran, hier oder dort eine Art virtuelles Schisma zu spüren. Menschen akzeptieren das Konzil nicht und die Öffnung, für das es steht. Sie sind fähig, ein ausdrückliches Schisma auszulösen. Sie stehen schon jetzt in einem virtuellen Schisma» (Co 2,306).
Wenige Tage später erfährt Congar, in der italienischen Zeitung Tempo sei von dem Anlass berichtet worden mit Bezug auf ihn selbst als «prete rosso … Progressista bene noto [roter Priester, wohl bekannter Progressist]» (Co 2,307).
(emf)
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