Assisi 1997 – ein Dank
Wohl zum letzten Mal bin ich in diesen Tagen (darum ist der Blog vorproduziert) in Umbrien. Zwei europäische Regionen, die nicht unterschiedlicher sein könnten, belegen bei meinen Auslandsaufenthalten die obersten Plätze, die irische Westküste (dort aufgeteilt auf die Destinationen Donegal, Doolin und Skibbereen) und Assisi. Ich begegnete – noch naiv unwissend – der Stadt von San Francesco erstmals auf einer Pilgerreise von St.Galler Studierenden (geistlich begleitet von Elisabeth Hug) im Herbst 1981. Noch heute habe ich das spirituelle Tagebuch dieser Reise, das mir jetzt in brutal deutlicher Weise offenbart, dass ich schon damals alle Notbremsen hätte ziehen können, wenn ich mir meiner gewiss gewesen wäre. Aber das konnte ich nicht, von Wollen kann nicht die Rede sein.
Es folgten dann von mir beruflich vorbereitete und immer mit Erfolg geführte Anlässe: eine ökumenische Pilgerfahrt mit Jugendlichen und Erwachsenen (geleitetet zusammen mit Vreni Baumer und Guido Nyffenegger) 1983, eine Reise mit meinen Pfadfinderleitern der Pfadi St.Otmar 1987 (natürlich wurde hier gezeltet) und ein erstes Lager mit den Ministranten aus St.Otmar 1992. Dazu kamen drei Aufenthalte zwecks Rekognoszieren und eine Studientagung des Rates der europäischen Priesterräte. (Später folgten Lager in den Jahren 1998, 2002, 2006, 2010 und 2014.) Ich war also schon recht Assisi-erfahren, als ich mich entschied, den Weiterbildungsurlaub nach 16 Jahren Berufstätigkeit für zwei Monate dort zu verbringen und dabei vor allem mein Italienisch zu verbessern.
Und damit sei nun von dem Tag berichtet, der mir aus heutiger Sicht das Leben gerettet hat. 1997 war ich physisch und psychisch kurz vor dem Zusammenklappen; das 1981 ins Tagebuch Eingetragene hatte mich eingeholt und überholt. Der 26.September war ein Freitagmorgen, und in der Italienisch-Schule wurde der Abschluss des Monatskurses (ich im mittleren Level eingeteilt) geplant. Bis heute habe ich keinerlei Kurskosten dafür bezahlt, denn um 11.40 rollte ein Erdstoss mit Stärke 6,0 über die Gegend, brachte die Kuppel der Oberkirche in San Francesco zum Einbrechen und tötete dabei vier Menschen und legte das Leben in der Pilgerstadt still.
Ich griff auf meine Pfadfindervergangenheit zurück, betrat trotz Verbot meine Unterkunft, packte den Rucksack voll, nahm Wolldecken mit und ging hinaus in die Olivenhaine von San Damiano. Dort lag ich stundenlang auf dem immer wieder bebenden Boden und lauschte den Sirenen von Armee und Ambulanzen. Diese Stunden an dem heiligen Ort änderten mein Leben. Ich begriff, dass es sowieso keine dauernden Sicherheiten gibt, und es darum möglich ist, sein Leben auf den Kopf zu kehren. Ich kam zurück, nahm 20 Kilo ab, fand einen Neuanfang und bin der geworden, der ich heute bin. Wenn Sie, liebe Lesende, wollen: Der dezidierte liberale Theologe und Kämpfer für Menschenrechte in der Kirche, den Sie kennen.
Ich weiss nicht, ob der Ewige zugunsten eines einzigen mickrigen Individuums eingreift. Falls Ja, bin ich ihm für immer zu Dank verpflichtet.
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