Kein Kraut gewachsen
ist gegen Ignoranz, wie sie an schweizerischen Stammtischen und in den Versammlungshallen unserer «Volkspartei» gezüchtet wird und dann langsam und dumpf vor sich her mottet. Solches widerfuhr mir nolens volens, wie ich an den beiden letzten Kirchbürgerversammlungen meines Lebens (denn im Tessin, wie hier schon mehrfach beschrieben, gibt es diese Art des dualen Systems nicht) unter Varia folgendes Statement (nicht wörtlich zitiert, ich sprach frei) abgab:
«Liebe Kirchbürger/innen. Sie haben soeben einer ordentlichen Versammlung über Gebäude und Finanzen entschieden. Sie werden in absehbarer Zeit an einer ausserordentlichen Versammlung meinen Nachfolger wählen. Seien Sie sich bewusst, welches Privileg sie hier besitzen, ein Privileg, das wir nur hier in der Deutschschweiz und in einigen angrenzenden Gebieten kennen. Solch demokratische Strukturen sind nämlich unserer Kirche fremd; dass sie gewachsen sind, ist ein Geschenk aus Frankreich, den USA und seitens der evangelischen Kirche. Die französische Aufklärung brachte erstmals den Gedanken der Gewaltenteilung und -Trennung auf, in der US-Verfassung wurde dann das Prinzip «checks and balances» (Überprüfung und Ausgleich) verankert. Dieser Entwicklung, die dann die Evangelischen Landeskirchen unserer Zonen hervorbrachte, verdanken wir unser «duales System». Mehrere sich ausgleichende und zugleich kontrollierende Gremien schaffen Transparenz und verhindern Machtmissbrauch. Stellen Sie Sich dies andernorts vor: Es gibt nur Bistum und Bischof, Pfarrei und Pfarrer. Die Pfarrer verfügen über Gebäude und (die allerdings spärlichen) Finanzen nach eigenem Gutdünken, die Bischöfe verschieben ihre Pfarrer alle paar Jahre quer durchs Bistum, ohne die Pfarreiangehörigen fragen zu müssen. So wiederhole ich: Sind wir uns bewusst, welch ein Geschenk (auch dank evangelischer Mithilfe) wir mit diesem System haben. Tragen Sie ihm Sorge!»
Dieses Statement wurde mir vom (als Kirchbürger anwesenden) Präsidenten des Konfessionsteils (also der «Kantonalkirche») als korrekt und wichtig bestätigt. Das freut mich. Allerdings (darum der Titel des Blog-Eintrags) muss ich auch berichten, dass in einer Versammlung in den hinteren Reihen gemurrt wurde: Ich solle aufhören, von Frankreich und den USA zu reden. Das ist er, der SVP-Reflex: Alles Gute in unserem Land kommt von innen, von aussen nur Schlechtes. Ich fasse es nicht, liebe Lesende: Was tun gegen eine solche Mischung von Nicht-Wissen, Verdrängung und Ignoranz?
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Karl Stadler sagt:
Gewiss, Herr Angehrn, betrachtet man die Sache unter dem Gesichtspunkt der arbeitsrechtlichen Gegebenheiten, wie sie hierzulande in Bezug auf Kleriker und anderweitige in der Pastoral tätige Personen, die in Krichgemeinden wirken, herrschen, ist das staatskrichenrechtliche duale System gewiss ein grosser Gewinn. (Das Thema bildet in Ihrem Beitrag ja nicht die Erhebung von Kirchensteuern von iuristischen Personen.) Es kann bei Konflkten ein übergeordneter kirchlicher Entscheidungsträger zum Glück nicht ausschliesslich und allein mit dem krichenrechtlichen Instrument der Missio operieren und Grundrechte einseitig aushebeln. Und das ist auch richtig so.
Wenn Sie jedoch auf die Aufklärung, insbesondere auf Montesquieu, rekurrieren, dann sei im gleichen Atemzug auch daran erinnert, dass ausgerechnet in Frankreich das laizistische System, das mit unserem dualen Staatskirchenrecht gar nichts am Hut haben will, letztlich genauso ein Kind der Aufklärung darstellt.
Hingegen wenn gewisse abwehrende Reflexhaltungen gegenüber den USA, dem Land, das Sie in der Regel als “Land der Barbaren” zu bezeichnen pflegen, in der öffentlichen Meinung manchmal zum besten gegeben werden, dann ist dies gewiss kaum ein “SVP-Reflex”. In nicht kleinen Kreisen wurden die USA während Jahrzehnten, angefangen bereits in den 60er und 70er Jahren, nicht zuletzt als Folge des Vietnam-Krieges, lange bevor es die “Blocher-SVP” gab, letztlich ausschliessslich auf eine imperialistische, ausbeuterische Macht reduziert. Und dabei hatte es nicht selten sein Bewenden. Dass die Amerikaner in ihrer Aussenpolitik sicher auch grosse Fehler machten und oft ihren eigenen Vorteil zu sehr in den Vorgerund stellten, zeitwiese auch diktatorische, menschenverachtende Regimes stützten, soll nicht in Zweifel gezogen werden. Dennoch: Dass die USA seit 1941 in stetiger Regelmässigkeit auch für uns Europäer die Kastanien aus dem Feuer holen mussten und immer noch müssen, angefangen vom 2. Weltkieg , über den kalten Krieg, den Balkankonflikt, die Zurückdrängung der Al Kaida bis hin zur Bekämpfung des IS und viele weitere Situationen mehr, spielt offenbar absolut keine Rolle. Diese einseitige, ablehnende Haltung gegenüber den USA hat mit der SVP nun wirklich nichts zu tun, obwohl sich auch diese Partei im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis und dem automatischen Informationsaustausch gegen die Ansinnen der amerikanischen Justiz wehrte. Vielleicht nicht einmal ganz zu Unrecht, wenn man bedenkt, dass gemäss groben Schätzungen allein in New York um die 5 Billionen $ Fluchtgelder angelegt sind, was den amerikanischen Fiskus wiederum einen alten Hut interessiert.