Totgesagte leben länger
Um den marianischen Titel «Mutter der Kirche» wurde auf dem Konzil lange gerungen. Über einen Umweg versuchte der polnische Episkopat – mit Zustimmung von Paul VI. – den Titel zu etablieren: Man wollte den Titel im Rahmen neuer Anrufungen in der Lauretanischen Litanei prominent platzieren. Dieses Anliegen wurde in der Kommission für die Glaubenslehre diskutiert und im September 1964 abgelehnt. Man hielt es nicht für opportun. Ein weiterer Vorstoss wenige Tage später, am 8. Oktober 1964, diesmal im Rahmen der Plenarsitzung des Heiligen Offiziums, scheiterte ebenfalls. Nachdem man dies Paul VI. berichtet hatte, soll dieser gesagt haben: «Mir missfällt das ein wenig, aber Geduld!»
Ende Oktober 1964 sprachen sich schliesslich auch die Konzilsväter mehrheitlich gegen die Verwendung des Titels «Mutter der Kirche/Mater ecclesiae» im Kirchenschema aus. Diese Linie wurde auch bei der Einarbeitung letzter Änderungsvorschläge in den Text beibehalten, so dass «Lumen Gentium» am 21. November 1964 ohne die Formulierung «Mutter der Kirche» verabschiedet wurde.
Aber Paul VI. nutzte noch am gleichen Tag, im Rahmen der Schlussansprache zur dritten Konzilssession, die Chance, Maria doch noch als «Mutter der Kirche» zu proklamieren:
«So erklären Wir denn zum Ruhm der Heiligen Jungfrau und zu Unserem Troste die heilige Maria zur Mutter der Kirche, des ganzen christlichen Volkes, der Gläubigen wie der Hirten, die sie ihre liebevolle Mutter nennen. Und Wir legen fest, dass mit diesem holden Namen von nun an das ganze christliche Volk die Gottesmutter noch mehr ehrt und anruft.» (AAS 1967)
(ab; A 2,577; A 4, 69ff.)
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