Walter Ludin

Die verlorene palästinensische Generation

Palästina: Was geschah vor 70 Jahren

«Die Welt muss verstehen, dass die wachsende Frustration uns alle zu Kämpfern macht». So zitiert Publik-Forum einen jungen Palästinenser (Pufo 3/18). Und weiter: «Wir kämpfen nicht um Auftrag der Hamas oder der Fatah».

Dazu die deutsche Zeitschrift: «Die junge Erwachsenengeneration sieht sich in ihrem Land von keiner Partei repräsentiert – aber die israelische Besetzung als Ausgangspunkt ihrer Misere.»

Nochmals ein Vertreter dieser verlorenen Generation: «Wir kämpfen, weil wir hungrig sind, weil wir zu Hause keinen Strom haben, das Wasser immer wieder abgestellt wird und unsere Väter keine Arbeit haben.»

Wie alles begann

Die Erstursachen dieser Zustände sind in der Nakba zu finden, der Eroberung des palästinensischen Landes genau vor 70 Jahren. Ich habe vor einigen Monaten einen Roman rezensiert, der sehr anschaulich diese Geschichte erzählt: Susan Abdulwahab: Während die Welt schlief. Wie ich in der Rezension versprochen habe, komme ich nochmals auf dieses höchst eindrückliche Buch zurück.

Zuerst ein Gespräch, das Hasan, ein palästinischer Knabe, kurz vor dem Krieg von 1948 mit seinem jüdischen Freund Ari führte. Dieser meinte, die Briten würden abziehen und aus dem Land einen jüdischen Staat machen: «Aber ich denke, wenn die Araber es akzeptieren, wird alles gut und wir können zusammenleben.»

Hasan: «Sie werden mich in meinem Land dulden?»

Dann erinnern sich die beiden an das, «was in Europa geschah». «Aber es waren nicht die Araber», welche die Juden verfolgt haben …

Hasan über die «Zuwanderer»: «Während wir geglaubt haben, es handle sich um arme Kerle, die bloss Zuflucht suchen und in Ruhe leben wollen, haben sie Waffen gehortet, um uns aus unsern Häusern zu jagen.»

Palästinensisches Festmahl für die «jüdischen Freunde»

Das Buch erzählt dann die Geschichte des palästinensischen Dorfes Ein Hod. Nachdem kurz nach Beginn des Krieges ein Waffenstillstand vereinbart wurde, «seufzte Ein Hod auf vor Erleichterung: ›Wir werden ihnen (den jüdischen Soldaten) ein Festmahl bereiten. Es soll eine freundschaftliche Geste darstellen und ihnen zeigen, dass wir gewillt sind, Seite an Seite mit ihnen zu leben. ’»

Die Soldaten liessen sich zwar fürstlich bewirten, zogen aber «in eisigen Schweigen» ab. Und kamen bald wieder: «Dieselben Männer, die man zum Essen eingeladen hatte, marschierten nun durch Ein Hod und richteten ihre Gewehre auf die Menschen, die sie bewirtet hatten.» Und die Männer des Dorfes wurden angewiesen, ein Massengrab für 30 frische Leichen auszuheben.»

Nur ein Roman?

Man mag einwerfen, dass die obigen Schilderungen und Zitate bloss aus einem Roman stammen. Es gibt unzählige Sachbücher, welche diese Sicht bestätigen. (Und auch: Die Romanautorin bezieht sich auch auf solche Bücher.) Nur ein Beispiel: Das immer noch im Buchhandlung erhältliche Buch von Marlène Schnieper (wir waren übrigens miteinander in Sursee im Untergymnasium):

Marlène Schnieper: Nakba – die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und ihre Folgen. Rotpunktverlag 2012. ISBN 978-3-85869-444-7. 381 S., ca. CHF 31.-

Nach Erscheinen des Buches habe ich in mehreren Blogeinträgen Abschnitte zusammengefasst. Sie sind hier in der Suchfunktion meines Blogs unter «Schnieper» leicht zu finden.

 

Waehrend die Welt schlief von Susan Abulhawa
23. Februar 2018 | 11:38
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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