Karin Reinmüller

Da irrt wohl der Ökonom

«Meine» Uni Luzern (an der ich also studiert habe) hat vor einigen Wochen einen Artikel von Dr. Gerhard Schwarz im Rahmen ihrer Universitätsreden herausgegeben (https://www.unilu.ch/news/news/detail/30-universitaetsrede-erschienen/), der sich mit der «Vereinbarkeit des Kapitalismus mit dem Christentum» befasst. Das ist eine spannende Sache, und am liebsten würde ich gleich an ein paar Stellen auf den Artikel antworten, aber dazu komm ich nicht. Also nur eine: Das Thema «Fernsten- statt Nächstenliebe».

Christliche Nächstenliebe, meint Schwarz, kann nur im Rahmen von kleinen Gemeinschaften gelebt werden, unter Menschen, die einander kennen. Dort können die Reichen an denen Barmherzigkeit üben, die ihnen physisch Nächste sind. Das Gegenstück dazu ist der Sozialstaat mit seiner anonymen Umverteilung, die nicht auf der Liebe zu einem bestimmen, dem Geber bekannten Menschen beruht, sondern auf «Liebe für die Menschen an sich», also Fernstenliebe – und so, meint Schwarz, die Barmherzigkeit tötet.

Schwarz hält seine Position für sehr vereinbar mit dem Christentum – das finde ich zweifelhaft. Gibt es doch schon in der Apostelgeschichte ein Beispiel für Umverteilung, zugegebenermassen nicht staatlicherseits (diese Macht hatten die ChristInnen der ersten Jahrhunderte nicht), aber mit dem von ihm beklagten Effekt der Anonymisierung des Gebens: Im 6. Kapitel der Apostelgeschichte wird von einem Problem berichtet, das typischerweise auftritt, wenn Menschen jeweils nur an ihren Bekannten Barmherzigkeit üben: Die bedürftigen griechischen Witwen (die vielleicht weniger Reiche oder Einflussreiche in ihrem Bekanntenkreis hatten) bekamen weniger Almosen als die hebräischen Witwen. Die Lösung ist eine, die Schwarz vermutlich nicht gefallen würde: Die Versorgung der Witwen wurde nämlich institutionalisiert, indem Männer ausgewählt wurden, die darauf achteten, dass die Gaben jeweils gerecht verteilt wurden. Das bedeutet, der einzelne Geber konnte nicht mehr bestimmen, welche Nächste von seiner Gabe profitieren sollte – das entschieden die zuständigen Stellen, die die Almosen aller auch an die Fernsten so gerecht wie möglich verteilten. Die Barmherzigkeit der frühen ChristInnen scheint nicht von dieser Institutionalisierung getötet worden zu sein – wieso das also der Sozialstaat heute tun sollte, lässt sich jedenfalls mit dem Verweis auf das Christentum nicht wirklich begründen.

Auch er verteilt Almosen anderer: Der heilige Diakon Laurentius, Fra Angelico. Bild: Wikimedia Commons
22. Februar 2018 | 08:52
von Karin Reinmüller
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!