Koinzidenzien
solche ergaben sich beim Betrachten zweier Dinge:
a) Einmal im Rahmen der Zukunftsveranstaltung «St.Gallen 2030», an der sich die Katholische Kirchgemeinde St.Gallen und das Dekanat St.Gallen Gedanken darüber machten, wie in Zukunft mit geringeren materiellen Mitteln eine Seelsorge, die den Menschen der Jetzt-Zeit dient, betrieben werden könnte: Die Ergebnisse einer Umfrage, die ergaben, dass heute keine Altersgruppe so einsam ist/sich so einsam fühlt wie die der 18-30Jährigen. Völlig erstaunlich dieses Ergebnis, denken doch dem Seniorenalter Entgegenschreitende wie ich, dass diese Altersgruppe so vernetzt und so informiert ist wie noch keine zuvor, und dass diese Unmenge an Informationen zum Glück beitragen sollte. Anscheinend ist es aber gerade umgekehrt: die Fülle der Information und die Form der Informationsbeschaffung isolieren junge Menschen mehr als frühere Generationen.
b) Der Artikel Peter Sloterdijks in der NZZ vom 27.01. (S.43 – «Der Mensch, das Stammeswesen»), in dem er darlegt, dass in einer zunehmend «synchronisierten» Welt und «individualisierten» Gesellschaft immer mehr Menschen aus sozialen Bindungen (Sippen, Schichten, Kulturen, Milieus etc.) herausfallen, die während Jahrhunderten Halt und Sinn gaben. Er verwendet den aus der Architekturtheorie stammenden Ausdruck «connected isolation». Und er warnt eindringlich und eindrücklich: «Wo solch spontane Stammesbildungen fehlen … werden desorientierte und entwurzelte Einzelne von absorbierenden Massenbewegungen angezogen». Neuer Totalitarismus, autoritäre Führer-Figuren und absorbierende Sekten würden hier ein leichtes Spiel haben.
Ich stelle fest, dass hier wirklich für die Seelsorge der Zukunft eine klare Arbeit bevorsteht. Und ich verstehe auch, warum Sloterdijk an anderem Orte (»Die angebliche Renaissance der Religion») die monotheistischen Religionen auffordert, von «Eifererkollektiven» zu «Parteien der Zivilgesellschaft» zu werden.
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karl Stadler sagt:
Ich weiss nicht Herr Angehrn, ob das Ergebnis dieser Umfrage, dass junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren sich am meisten einsam fühlen, wirklich so erstaunlich ist. Und ich bin mir auch nicht so sicher, dass dieses Phänomen allenfalls ausschliesslich auf die kausale Koinzidenz, dass die zunehmende Digitalisierung zwischenmenschlicher Kommunikation eine Atomisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse gewiss auf sehr problematische Weise fördern kann, zurückzuführen ist.
Persönlich bin ich jedenfalls überzeugt, dass auch nach erfolgreichem Überstehen der Pubertät – dies in beruflicher wie in gesellschaftlicher Hinsicht – biografisch der Weg weiterhin mit sehr intensiven Krisen gepflastert sein kann. Wer erinnert sich nicht an die je eigene Situation: Einmal aus der pädagogischen Betreuung familiärer wie institutioneller Art entlassen, in der Orientierung plötzlich auf sich gestellt und zurückgeworfen, sich die eigenen Leitplanken selber setzen und die ersten wirklich harten beruflichen oder Studienherausforderungen bewältigen zu müssen, ja, dies kann sehr wohl auch ein Gefühl der Einsamkeit innerlich verursachen.
Persönlich habe ich jedenfalls die Altersphase der 20er Jahre keineswegs als weniger herausfordernd in Erinnerung als die Pubertät, die sicher auch mit Konflikten beladen war. In dieser Überzeugung werde ich bestärkt aufgrund meiner früheren beruflichen Tätigkeit, hatte ich doch auch mit jungen Menschen zu tun, die ausgerechnet in dieser Altersphase mit gesellschaftlichen Funktionalitäten kollidierten, dies, obwohl nicht wenige von ihnen in der Altersphase als Jugendliche nicht auffielen und aus “geordneten” Verhältnissen stammten. Das konnte man auch beobachten, als die Digitalisierung fast sämtlicher Lebensbereiche noch kein Thema war.
Solche krisenbehafteten, und in manchen Fällen keineswegs harmlosen Phasen, müssen, das ist sicher nur meine persönliche Auffassung, nicht zwingend von einer eigentlichen gesellschaftlichen oder ökonomischen Desintegration begleitet sein. Aber sicher haben Sie recht, wenn Sie befürchten, dass in solchen Krisen ein Mensch leichter ansprechbar für zweifelhafte Ideologien sein kann, wenn er seine Lebensherausforderungen in isolierter Atmosphäre zu bewältigen oder sich schwergewichtig virtuell zu vernetzen sucht.