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Papst Paul VI. legt die Tiara ab

Seit dem 8. Jahrhundert trugen die Päpste eine Kopfbedeckung, die sich in den darauf folgenden Jahrhunderten zur Tiara entwickelte. Diese fand ihre Vollendung im päpstlichen Exil in Avignon mit drei Reifen, die ab 1560 in der Übergabeformel an den neuen Papst folgendermassen gedeutet wurden: «Empfange die dreifache Krone und vergiss nie, dass Du Vater der Fürsten und Könige bist, das Haupt der Welt und der Statthalter Jesu Christi.» Die Tiara drückte also einen klaren Machtanspruch aus, wurde aber im liturgischen Bereich nie getragen.
Mit den theologischen Neuerungen im Zweiten Vatikanischen Konzil wurden natürlich solche Machtansprüche hinfällig. Und Paul VI. trat als Papst auch so auf, dass die Tiara schon von seiner Art her ebenfalls hinfällig wurde. Er trat unprätentiös auf, wirkte bescheiden und hatte ein offenes Ohr für die Anliegen der Armen. Zwar liess er sich am 30. Juni 1963 traditionell krönen, verschenkte dann aber seine modern gestaltete Tiara (Designer Valerio Vigorelli), ein Geschenk seiner Diözese Mailand zu seiner Papstkrönung, am 13. November 1964 in einem feierlichen Akt zugunsten armer Menschen in sozialen Brennpunkten der Stadt Rom. Auslöser dafür war das Thema «Armut in der Welt», das in diesen Tagen am Konzil behandelt wurde. Diese bislang letzte getragene Tiara wird in der «Basilica of the National Shrine of the Immaculate Conception» von Washington als Dank an US-amerikanische Katholiken für ihre Wohltätigkeit in der Dritten Welt aufbewahrt. Jörg Ernesti fasst prägnant zusammen: «Nicht der charismatische Johannes, sondern der gelehrte und sensible Paul legte dieses in vielen Teilen der Welt als anachronistisch und provozierend empfundene Herrschaftssymbol ab.» Mit der Niederlegung der Tiara begann eigentlich in der Kirche in vieler Hinsicht eine neue Zeitrechnung, mit Auswirkungen unter dem heutigen Papst, der ebenfalls ein Ohr und Auge für die Armen und die an den Rand Gedrängten hat.
(ufw; Er 77 f.)

13. November 2014 | 00:29
von Konzilsblogteam
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