© Uwe Kunze/pixelio.de
Walter Ludin

Überlegungen zum Advent

Was/wen erwarten wir im Advent?

Sie alle wissen es wohl: Advent heisst Ankunft. Doch: Wer soll denn da ankommen? Anders gefragt: Was erwarten wir? Bei den Kindern ist es klar: Sie warten darauf und zählen die Tage, bis endlich der Heiligabend da ist: bis sie unter dem Christbaum sitzen, vielleicht noch das Stille Nacht mitsingen müssen und dann endlich, endlich die Geschenke öffnen dürfen.

Aber: Was erwarten wir Erwachsenen? Auch da ist, wenigstens auf den ersten Blick, alles klar: Wir erwarten die Ankunft Jesu Christi, die Geburt des Sohnes Gottes. Ja sicher, das tönt schön. Aber wenn wir etwas nachdenken, müssen wir uns sagen: Jesus ist doch vor rund 2000 Jahren bei einer Geburt in Bethlehem schon angekommen.

Darum: Tun wir nicht «als ob». Als ob dieses nicht schon geschehen ist. Spielen wir also ein Theater?

Nein, so einfach ist es nicht. Ein erster Einwand stammt vom Barockdichter Angelus Silesius,   der vor ziemlich genau 440 Jahren gestorben ist. Er hat das berühmte Wort geprägt:

«Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren,

und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.»

Weniger poetisch ausgedrückt: Jesus Christus kam zwar vor 2000 Jahren in Bethlehem auf die Welt. Aber wir müssen immer immer wieder von Neuem unser Herz öffnen. Erst dann ist auch für uns Weihnachten.

Darum: Der Advent ist nicht einfach eine romantische, schöne Zeit mit viel Kerzenlicht. Sondern: Er ist für uns eine Gabe und gleichzeitig eine Aufgabe: Die Chance und den Auftrag, Jesus von Neuem Platz in unsern Herzen zu schaffen. –
Ich könnte jetzt mit meiner Predigt aufhören. Einige von Ihnen wären dankbar. Andere aber würden sagen: «Fällt ihm denn nicht mehr ein?»

Machen wir also einen Augenblick weiter. Dabei möchte ich an dem anknüpfen, was ich vor 10 Tagen in einer Pfarrei zum Fest Unbefleckte Empfängnis gesagt habe. Das Fest bedeutet ja, dass Maria vom Augenblick ihrer Geburt an von der Erbsünde befreit wurde.

Und wir? So fragen wir uns. Immer wieder hat die Kirche uns eingetrichtet, dass wir von der Erbsünde geprägt sind. Die Strömung des Pietismus hat es diesbezüglich am weitesten gebracht. Im berühmten, mit dem Literatur-Nobelpreis gekrönten Werk «Die Buddhenbroocks» zitiert Thomas Mann ein pietistisches Lied:

«Wirf mir armem Sündenlümmel

deinen Gnadenkochen zu.»

Ja, sind wir das wirklich: «Sündenlümmel»? Erbärmliche Geschöpfe? Da können wir nur sagen: «Einspruch!» Wo bleibt da die Erlösung, die Jesus uns durch seine Geburt, sein Leben, seine Botschaft, seinen Tod und durch seine Auferstehung uns gebracht hat?

Tun wir nicht gerade hier «als ob»? Als ob Jesus nie in unserer Welt war?

Ich weiss: Wir können es auch auf die andere Art übertreiben. So wie wir es tun im beliebten Gloria-Lied, in dem es heisst:

«Ein Wohlgefalln Gott an uns hat;

nun ist gross Fried ohn Unterlass,

all Fehd hat nun ein Ende.»

Kürzlich stand dieses Lied in einer Pfarrei auf dem Programm und wohl alle haben mitgesungen. Kaum jemand hat wohl daran gedacht, dass  gerade im Jahre 2017 auf der Welt kein «gross Fried ohn Unterlass herrscht».

In einem Theaterstück von Bert Brecht heisst es am Schluss: «Wir sind verwirrt. Und dies nicht nur zum Schein.»

Auch Sie sind von meiner Predigt verwirrt, wenn Sie meinen Gedanken gefolgt sind.  Sie fragen sich: Was gilt nun? Besteht die Erbsünde für uns immer noch, als ob Jesus nie auf die Welt gekommen wäre? Oder ist schon alles im grünen Bereich? Sind Kriege und Terror nur Zuckungen einer Welt, die am Untergehen ist?

Es ist nicht einfach, mit wenigen Sätzen die Verwirrung aufzulösen. Doch es gibt eine einfache theologische Formel, die uns einer Lösung näher bringt. Sie wurde im Zusammenhang mit dem Reich Gottes gefunden, das ja im Zentrum der Botschaft Jesu steht. Und sie heisst: «Schon – noch nicht.»

Im Klartext: Jesus verkündete: «Das Reich Gottes ist mitten unter euch.» Das bedeutet: Mitten im Leben sind die Christen und Christinnen bereits im Reich Gottes angekommen.» Also: Wir sind «schon» erlöst.

Nun kommt das grosse Aber, das «noch nicht«: Das Reich Gottes konnte noch nicht seine volle Kraft entfalten. Noch gibt es grosse Widerstände dagegen. Diese Widerstände befinden sich – und damit komme ich wieder zu Angelus Silesius, auch in unseren Herzen.

Ein Beispiel: Jesus möchte uns die Kraft geben, unsere Feinde  zu leben. Wir aber sagen lieber: «Wie du mir, so ich dir.» Und wir freuen uns, wenn wir es den andern heimzahlen können ….

Oder wir wissen, dass Gott uns seine Schöpfung anvertraut hat. Dennoch tun wir so, als ob sie uns zur freien Verfügung stünde und wir nicht sorgfältig mit ihr umgehen müssten.

Ich komme zum Schluss und schlage vor: Klagen und jammern wir gerade auch im Advent weniger über die böse, unerlöste Welt. Und versuchen wir, jetzt schon in der Kraft des Geistes Gottes als Erlöste zu leben.

Elisabethenheim Luzern, Sa .16.30; Stans St. Klara, 9.30 und Pflegeheim Nägeligasse 10.40

(Aus technischen Gründen wurde diese Predig erst Anfang Woche hier aufgeschaltet. Sie ist aber immer noch aktuell….)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Uwe Kunze/pixelio.de
18. Dezember 2017 | 11:45
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!