Wer sind die Barbaren?
In medias res:
«Das Wesentliche alles sittlichen Werts der Handlungen kommt darauf an, dass das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme. Geschieht die Willensbestimmung zwar gemäss dem moralischen Gesetze, aber nur vermittelst eines Gefühls, welcher Art es auch sei … so wird die Handlung zwar Legalität, aber nicht Moralität enthalten.»
und:
«Das Wesentliche aller Bestimmung des Willens durchs sittliche Gesetz ist: dass er als freier Wille, mithin nicht bloss ohne Mitwirkung sinnlicher Antriebe, sondern selbst mit Abweisung aller derselben, und mit Abbruch aller Neigungen, sofern sie dem Gesetz zuwider sein könnten, bloss durchs Gesetz bestimmt werde.»
und:
«Alle Neigungen zusammen … machen die Selbstsucht (solipsimus) aus. Diese ist entweder die der Selbstliebe, eines über alles gehenden Wohlwollens gegen sich selbst (philautia) oder die des Wohlgefallens an sich selbst (arrogantia).»
(Kritik der praktischen Vernunft, 3.Hauptstück)
Wir erkennen: Am Anfang jeglicher Aufklärung steht die radikal durchgeführte Selbsterkenntnis samt zugehöriger Metanoia. Diese Prinzipien sind nicht kulturgebunden, sie atmen nicht im Geringsten den Geist von Imperialismus oder Kolonialismus aus. Nur Menschen, Kulturen, Religionen, Gesellschaften und Staaten, die sich permanent dieser Prüfung unterziehen, haben die Chance sich neandertalerischer Barbarei und der Versuchung des Rufs nach dem Orwell’schen Überwachungsstaat zu entziehen. Der freie Mensch, der wahrhaft autonome Mensch erhebt sich über seinen Hang zur Neigung.
Nun: Das ist zwar unverschämt optimistisch gedacht. Die grossen Diktaturen des 20.Jahrhunderts, bei denen es so egal war, ob sie links oder rechts ausgerichtet waren, lehren, dass das Barbarenwesen homo non semper sapiens bzw. plerumque stupidus sich noch längst nicht über seinen «Hang zur Neigung» erhoben hat. Die Zuweisung von Versagen und Schuld an die anderen inklusive das damit verbundene Reinwaschen der eigenen Hände dominiert auch das Weltbild von Donald Trump und seiner Wählerschaft. Herr Scheu: Wenn wir von «zornigen weissen Männern» sprechen, meinen wir nicht eine momentane Erscheinung in den Staaten des Rostgürtels und im evangelikalen Mief des US-Südens, sondern eine Grundversuchung des Menschen/der Menschheit an sich. Und die kann weiss oder schwarz, islamisch, jüdisch oder christlich, freidenkerisch oder elitär sein.
Die «Bestimmung des Willens durch das sittliche Gesetz»: Ich denke, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 ein solches sittliche Gesetz darstellt. Sie fusst auf den Werten der Revolution von 1789 und jenen (sic!) der US-Unabhängigkeitserklärung von 1776. Sie war ein gemeinsamer Beschluss von Ost und West, Nord und Süd. Sie wurde und wird immer wieder nicht respektiert, weil die «Selbstsucht» einer Nation, eines Kulturkreises oder auch eines Diktators Antrieb des politischen Handelns war. Denken wir an die Gräueltaten der USA im Vietnamkrieg, denken wir an den DDR-Überwachungsstaat, denken wir an das Apartheid-Regime in Südafrika oder sehen wir uns den IS an.
Herr Scheu, Herr Thomä, lassen Sie darum den Unfug mit schönen Wortspielereien und Ihren Neigungen (Ihrer sprachlichen Selbstliebe?) entspringenden Schuldzuweisungen und raufen Sie Sich zusammen. Sie/Wir sind uns ja einig, dass die Werte der Aufklärung, so wie oben beschrieben, notwendig zum Überleben der Menschheit sind.
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