Pasolini, Jesus und das Konzil
Gingen die Konzilsväter ins Kino? Was mögen sie am nächsten Tag erzählt haben? Ein Jesusfilm der anderen Art wurde am 4. September 1964 uraufgeführt. Der Papst Johannes XXIII. gewidmete Film «Das 1. Evangelium nach Matthäus» von Pier Paolo Pasolini konfrontierte die Zuschauer mit einem Jesus, der den Menschen mit verstörenden und provozierenden Aussagen begegnet.
Der Jesus von Pasolini bleibt ein unverfügbarer Jesus, ein Jesus, der sich frommen Berechnungen und religiösem Kalkül entzieht. Doch man spürt in jeder Szene den existenziellen Ernst, wenn Jesus sehr real dargestellten Menschen im Film begegnet.
Der Jesus des Pasolini-Films ist kein weichgezeichneter Softie, der aus fernen Sphären spricht. «Er ist kein Heilsbringer, dem sich die Hände entgegenstrecken müssen, damit er sie mildtätig fülle.» Vielmehr steckt Jesus selbst mitten im Streit mit den Mächten des Unheils. «Den Versuchungen zu widerstehen, ist das Erste, was er tut.»
Am Ende lässt Pasolini dem Zuschauer wenig Raum, um sich selbstzufrieden mit Jesus zu identifizieren. Bei Pasolini steht am Ende die Umkehr.
Hier beschreibt Michael Felder eine Verbindung zum Konzil:
«Um selber Protagonisten werden zu können ist das Erste, was zu tun ist, die Umkehr. Ob also die Konzilsväter den Film gesehen haben? Eines ist klar. Das Konzil hat mit der Umkehr begonnen. […] Das Konzil hat […] begonnen, pastoral zu denken und zu handeln. Es hat begonnen, sich von der Widerständigkeit Jesu provozieren zu lassen. Dies beginnt, in dem es das Unverfügbare seiner Gestalt im Mysteriumsbegriff aufnimmt und für alle weiteren Überlegungen zur Grundlage macht; es zeigt sich am Ende überall dort, wo es in den ‹Zeichen der Zeit’ seine Signatur entdeckt und alle Binnenfixierung durchbricht. Das Konzil ist bereit, externe Problemhorizonte in seinem Namen anzunehmen, um das Innen der eigenen Glaubens- und Praxisgestalt gemäss seinem Namen anzugehen. Was das Konzil an identitätsstiftenden Zeichen im Lichte des Evangeliums erkennt, ist die Jüngerschaft, wie Jesus auf die Zumutungen des eigenen Umfeldes zu reagieren. Aber auch hier zeigt sich gegen vorschnelle Übertragungsversuche eine komplexe Hermeneutik: Denn die Jünger selbst, so zeigt die Überlieferung aus der Tiefe ihrer Schichten, zeigen sich als Umfeld, dem ein provozierter Jesus Widerstand leistet. »
(ab; Michael Felder: Der provozierte Jesus – pastoraltheologische Einlassungen, in: Diakonia 43 [2012], 275-281.)
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


