Der Carabiniere aus Trastevere
Sein Name ist in aller Munde, wenn es um das Konzil geht, und doch bleibt die Person oft unbekannt: die Rede ist von Alfredo Kardinal Ottaviani (1890-1979). Der Würzburger Kirchenhistoriker Dominik Burkard schreibt über ihn: «ein Italiener, ein Römer. Aus dem eher verrufenen Stadtviertel Trastevere, ein Bäckersohn, vorletztes von 12 Kindern. Aufgrund seiner grossen Begabung kam er ins römische Seminar von Sant’Apollinare, wo er viele der späteren Kardinäle und Weggefährten kennenlernte.»
Dass Ottaviani auf dem Konzil ein zentraler Akteur wurde, erklärt sich nicht zuletzt aus seiner Laufbahn: Nach einer Zeit der Lehrtätigkeit an Sant’Apollinare, der heutigen Lateranuniversität, wurde Ottaviani Mitarbeiter der Kurie. Ein Blick auf seine aufeinanderfolgenden Ämter und Funktionen zeigt, dass er hier mehr und mehr zu einer Schlüsselfigur wurde (1922 Offizial, 1928 Untersekretär der Kongregation für die ausserordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, 1929 Substitut im Staatssekretariat, 1935 Assessor des Sanctum Officium, 1953 Kardinal und Prosekretär des Sanctum Officium, 1959 dessen Sekretär).
Den Menschen Ottaviani charakterisiert Burkard (in einer Gegenüberstellung mit Augustin Bea) u.a. wie folgt: «Ottaviani – der Weltstädter, aufgewachsen in einer quirligen, lauten, groben Umgebung. Eines von vielen Kindern, alles andere als verhätschelt oder überbehütet, vielmehr ständig bedroht. Schläue, Pragmatik, auch List waren notwendige Eigenschaften, um zu überleben. Ottaviani war einer, der sich durchbeissen musste (…) Ein Römer, der dieses Rom wie seine Westentasche kannte, der aber seine Heimatstadt auch nie verlassen hatte.»
Sich selbst beschreibt der fast völlig erblindete Kardinal in einem Interview mit dem Corriere della Sera während der Konzilszeit: «Ich bin ein alter Carabiniere, der die Goldreserve bewacht (…) Wenn du dem alten Carabiniere sagst, dass die Gesetze sich ändern, dann wird er denken, er sei ein alter Carabiniere, und er wird alles tun, dass sie sich nicht ändern. Ändern sie sich aber trotzdem, dann wird Gott ihm bestimmt die Kraft geben, einen neuen Schatz zu verteidigen, an den er glaubt. Sind die neuen Gesetze einmal der Schatz der Kirche, eine Bereicherung der Goldreserve geworden, dann zählt nur noch ein Grundsatz: die Treue im Dienst der Kirche. Der Dienst aber besagt: Treu ihren Gesetzen – wie ein Blinder. – Wie der Blinde, der ich bin.»
(mq; Zitate: Dominik Burkard: Augustin Bea und Alfredo Ottaviani. Thesen zu einer entscheidenden personellen Konstellation im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils. In: Franz Xaver Bischof [Hg.]: Das Zweite Vatikanische Konzil [1962-1965]. Stand und Perspektiven der kirchenhistorischen Forschung im deutschsprachigen Raum. Stuttgart: Kohlhammer, 2012, 44-66, 47 sowie Mario von Galli, Bernhard Moosbrugger: Das Konzil und seine Folgen. Luzern/Frankfurt: Bucher 1966, 187).
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