Heinz Angehrn

Trilogie zum Umgang mit «heiligen Texten» III

III – Die berüchtigten Beispiele: Sprechen wir nun also vom Eingemachten, sprechen wir von der Geschlechterfrage, von der Homophobie und vom Antisemitismus. In allen drei Fällen tut uns das seriöse «ad fontes» Gehen und Forschen nämlich immer wieder mal weh. So finden sich in den Listen bei der Berufung der 12 Jünger durch Jesus nur Männernamen. So sprechen einzelne Passagen in Levitikus und Numeri davon, dass schwule Männer mit dem Tod bestraft werden sollen, wenn sie ihre Sexualität leben. So tritt in der Passionsgeschichte bei Johannes immer wieder eine Tätergruppe mit dem Namen «die Juden» auf. Das kann nicht beseitigt werden. Würden wir es beseitigen, wäre Tür und Tor offen für alle beliebigen Umdeutungen. Stellen Sie Sich mal vor, wie etwa in faschistisch geprägten Gesellschaften mit dem Bibeltext umgegangen würde.

Für alle drei Fälle habe ich deshalb schon im ersten Artikel der Trilogie formuliert, dass Exegese ohne seriöse Kultur- und Sozialgeschichte nicht taugt. Meine Folgerung lautet: Der Originaltext darf nie aus ideologischen Gründen geändert werden, ja er muss in seiner Anstössigkeit ertragen werden. Aber: Gerade weil wir ihn zunächst respektieren, können spätere Generationen nicht fundamentalistisch mit ihm argumentieren im Sinn, dass er unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen immer noch im Wortsinn umgesetzt werden kann. Ja eigentlich ist es umgekehrt: Es muss im Fall des Christentums geprüft werden, wie weit kultur- und sozialgeschichtliche Veränderungen uns nicht näher an das Ethos der Bergpredigt und des Doppelgebotes gebracht haben.

Darum: Ja, Jesus hat nur 12 Männer in den Jüngerkreis berufen. Warum? Weil er in seinem Eingebunden-Sein in das Judentum des ersten Jahrhunderts gar nicht anders konnte. Ja, die Thora sieht homosexuelle Praxis als pervers und verabscheuungswürdig an. Warum? Weil noch nicht bekannt war, dass etwa 6-8% der Menschen so fühlen und leben. Ja, die Passion bei Johannes sieht die Schuld bei den Juden und die Unschuld bei Pilatus. Warum? Weil dieses Evangelium erst geschrieben wurde, als die urchristliche Gemeinde die Juden als Feinde wahrnahm.

20. September 2017 | 06:00
von Heinz Angehrn
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