Da waren die Israelis sprachlos
Jean Ziegler war UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In dieser Eigenschaft reiste er nach Israel/Palästina. Wie er in seinem neuesten Buch «Der schmale Grat der Hoffnung» schreibt, wurde er von der israelischen Regierung zunächst mit allen Ehren empfangen. Denn zuvor hatte er die Juden beim Kampf um die «nachrichtenlosen Vermögen» tatkräftig unterstützt. Wie ich in meiner Rezension in diesem Blog erwähnt habe, galt er deshalb als vorbehaltloser Unterstützer Israels. Es war ihm aber darum gegangen, überall gegen das Unrecht zu kämpfen – sodass er eben auch die unterdrückten Palästinenser verteidigte. Als die Regierung dies bemerkte, wurde er plötzlich als Feind behandelt. Dazu zwei spannende Passagen aus seinem Buch:
Tomaten und Melonen: ein Sicherheits-Risiko?
Jean Ziegler warf den Israelis vor: «Die Bauern können nur an bestimmten Tagen auf ihre Felder und auch dann nur einige Stunden lang.» Sein Gegenüber, ein «mürrischer General», unterbrach ihn: «Sie sind Schweizer. Sie begreifen gar nichts; wir sind im Krieg. Diese Massnahmen sind ein Gebot der Sicherheit.»
Ziegler entgegnete: «Die Lastwagen mit Tomaten, Melonen …, die vor den Strassensperren in der Sonne verrotten, haben nicht das Geringste mit der Sicherheit Israels zu tun. Dadurch verschlimmert man einfach die Unterernährung in den Gebieten und richtet die Bauern zugrunde.» Eisige Schweigen im Saal.
Zwischenbemerkung: Im privaten Bereich würde man von «Mobbing» sprechen. Man schikaniert jemanden so lange, bis er aufgibt und verschwindet. Vieles deutet darauf hin, dass die Schikanen Israels das Ziel haben, die Palästinenser zu vertreiben.
Ohne Befehl schiessen
Ziegler und sein Mitarbeiter Christophe Golay sprachen bei ihrem Besuch in Israel auch die «Free Fire Zones» an, Zonen, in denen ohne Befehl geschossen werden darf. Dazu die Vertreter der Regierung: «Die Terroristen wollen die Juden vernichten. Die illegalen Zonen, wie Sie sagen, die Free Fire Zones, ermöglichen unsern Soldaten lediglich, die Terroristen zu erschiessen, bevor sie unsere Häuser erreichen.»
Zieglers Mitarbeiter, ein Jurist bemerkt ungerührte: «Von Rechts wegen sind nicht nur die Free Fire Zones illegal, sondern alle Kolonien (d.h. die Siedlungen; WLu). Sie verstossen gegen die vierte Genfer Konvention, die einer Besatzungsmacht verbietet, Land und Häuser auf den besetzten Gebieten zu enteignen und dort Kolonien für die eigene Bevölkerung zu errichten.»
Dazu schreibt Ziegler in seinen Buch: «Jetzt war das Mass voll.» Obwohl die Gastfreundschaft im Orient heilig sein, hat niemand den Gästen «auch nur einen Tropfen vom Kaffee angeboten», der auf den Tischen stand.
Man merke: Wenn es darum geht, den Palästinensern das Leben schwer zu machen und wenn das internationale Recht angesprochen wird, das Israel durch seine Siedlungspolitik Tag für Tag verletzt, verstummen die Israelis, weil sie merken, dass sie im Unrecht sind. Dies hindert selbsternannten Israel-Verteidiger nicht daran, all dies zu verteidigen. So bin ich gespannt auf die Kommentare zu diesem Blog. Wenigstens einer wird wohl eintreffen.
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Karl Stadler sagt:
Es geht nicht darum, das eine Unecht gegen das andere aufzuwägen. Vielmehr geht es darum, systematisch, wie es auf kath.ch zum Teil langjährige Praxis ist, das Unrecht der einen Seite völlig auszublenden. Das ist nichts weniger als Hetze im eigentlichen Sinn.
Und erklären Sie endlich den Leserinnen und Lesern, warum selbst die israelische Opposition und die Linke in Israel mit den von Ihnen erwähnten Organaisationen und deren Methoden kaum etwas zu tun haben will! Deren Halbwahrheiten und zum Teil eigentliche verleumderische Machenschaften zu verbreiten passt offenbar gut in den Verkündungsauftrag der Kirche!
Walter Ludin sagt:
Aus Versehen stand hier der Bloig, den ich vor einigen Wochen veröffentlicht habe. Wurde nun geändert.
Karis Beitrag bezieht sich auf den alten Blog. Ich lösche ihn trotzdem nicht. Und warte, dass er den neuen Blog “widerlegt”, wie ich es ja am Schluss meines Textes bereits angekündigt habe….
Monika Schmid sagt:
Du schreibst es treffend. Wer das Unrecht an den Palästinensern beim Namen nennt wird aus der Sucht Israels zum Feind.
Karl Stadler sagt:
Habe erst jetzt gesehen, dass da ein neuer, bzw. anderer Blogbeitrag, natürlich einmal mehr gegen Israel, veröffentlicht wurde. Ich habe nicht immer Zeit, darauf zu reagieren. Schliesslich binich ein Privatmensch und vertrete auch kein Mandat. Aber Walter Ludin, der erwähnte General hat wahrscheinlich schon recht, wenn der Ziegler vorhält, dass er Schweizer ist und von der Sicherheitslage und deren Bewältigung kaum etwas versteht. Ich hätte jetzt nicht an erster Stelle Prof. Ziegler, ein gewiss äusserst engagierter Mann, der auch sehr wertvolle Beiträge zum Thema globale Gerechtigkeit leistete, als Referenzperson angeführt. Aber für mich ist Jean Ziegler, mit dem ich in den 70er Jahren übrigens einmal ein interessantes Gespräch führen konnte, zu wenig neutral.
Hat er denn im Buch auch angeführt, nur als ein Beispiel von vielen, dass gar nicht vor allzu langer Zeit in einer Siedlung jüdische Jugendliche nachts ohne jeden Anlass von Palästinernsern abgestochen wurden, um dann von der PA nicht als Terrorist gebranntmarkt , sondern als Martyrer geehrt zu werden?
Jean ZIegler, der ja selber auch in UN-Gremien sass oder immer noch sitzt, und der sich immer mit dem Thema Menschenrecht befasste, reflektierte er denn in seinem Buch über den Umstand, dass während der ersten zehn Jahre des Bestehens des UN-Menschenrehtsrats (UNHRC), dieser zwischen 50 und 60 Resolutionen gegen Länder in der gesamten Welt wegen Menschenrechtsverletzungen erliess, gleichzeitig aber allein gegen Israel während der gleichen Zeitspanne mehr als 60 Verurteilungen?
Wenn man sich als einfacher Bürger vor Augen hält, was alles in der Zeit zwischen 2006 und 2017 in bestimmten Regionen auf diesem Globus sich ereignet hat, und dieses Verhältnis von Resolutionen betrachtet (allein gegen Israel mehr als gegen die gesamte übrige Welt), dann bekommt man, etwas salopp ausgedrückt, schlichtweg Vögel!
Hat Ziegler sich in seinem Buch ausgelassen, welche Länder in diesem erlauchten Gremium Einsitz nehmen und sich mit Verurteilungen gegen Israel über den ganzen Globus verbreiten? Hat er sich darüber ausgelassen, dass Journalisten, die über die Verhältnisse im Westjordanland unter Wahrung der Unabhängigkeit von der PA zu schreiben versuchen, zum Teil verhaftet werden oder diesbezüglich zumindest Gefahr laufen? Oder wenn sie im Gaza-Streifen tätig sind, gar Gefahr laufen, von der Hamas in Folter-Haft genommen zu werden?
Gewiss werden dem israelischen Militär auch Fehler unterlaufen bei der Erfüllung der Aufgabe, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten und es wird vermutlich auch dann und wann zu rechtswidrigen Handlungen gegenüber palästinensischern Zivilisten kommen. Hält man sich die aufgeladene und angespannte Situation vor Augen, wäre es erstaunlich, wenn solches nie vorkäme. Jedoch gerade in Israel ist es nachweislich die Armeeführung, die sehr darauf bedacht ist, offensichtliche Rechtswidrigkeiten seitens des Militärs justiziell ahnden zu lassen, wenn es sein muss, auch gegen massiven politischen Widerstand seitens rechter Kreise. Ich glaube nicht, dass ein Mann wie Jean Ziegler und wir alle hier im relativ sicheren Westeuropa den israelischen Militärs Vorträge über Ethik und Menscherechte zu halten haben.
Und ist es nicht so und war es nie so gewesen, wie das wieder zu kolpotieren versucht wird, dass wer gegen den Staat Israel und dessen Siedlungspitik Kritik anbringt, dort automatisch als “Antisemit” gilt. Sicher mag es auch solche Kreise geben, aber nicht die breite Mehrheit der Israelis, vermutlich nicht einmal die Regierung. Aber die Israelis erwarten zurecht, dass nicht mit Halbwahrheiten oder gar Unwahrheiten operiert wird, wie das gewisse NGO’s tun und auch, dass jede Berichterstattung im politisch-gesellschaftlichen Kontext erfolgt, wie er sich in Israel, Gaza und Westjordanland darstellt. Und vor allem, dass nicht nur sie angeschwärzt werden, als seien sie die einzig Fehlbaren.
Mir scheint Ulrich Schmid von der NZZ ein seriöser Berichterstatter zu sein.
Roland Xander sagt:
Immer wenn ich Berichte über Israel im Blog lese, kommt mir das Verhalten der offiziellen Schweiz gegenüber Grüniger im 2. Weltkrieg in den Sinn. Eine etwas sensiblere Art gegenüber den Juden wäre eigentlich angebracht, wenngleich einiges an der heutigen Israelpolitik zu verurteilen ist.
Walter Ludin sagt:
Ich schäme mich für das, was die Schweiz den Juden angetan haben. Aber dies dispensiert mich nicht davon, auf das schreiende Unrecht aufmerksam zu machen, unter dem die Palästinenser und der israelischen Besatzung leben. Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.
Roland Xander sagt:
Rein zufällig ist mir heute der Lebenslauf des weltbekannten Opernsängers Joseph Schmidt in die Hände gekommen. Nachdem er als Jude von den Nazis durch halb Europa gehetzt und gejagt wurde, landete er schlussendlich in der Schweiz, wo er umgehend in einem Internierungslager landete. Auszug aus Wikipedia: “…gelangte schließlich in die Schweiz, wo er in einem Lager erkrankte und MANGELS HILFELEISTUNG starb.”.
Dieses Verhalten der Schweiz von offizieller Seite wäre doch auch wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen, vielleicht mit einem Beitrag in Ihrem Blog.