Heinz Angehrn

Absage wegen Unpässlichkeit

Nichts im Opern-Betrieb ist schrecklicher (ausser ganz schlechten Sängern/innen und unfähigen Regisseuren/innen…) als der Vorgang, wenn ganz kurz vor Aufführungsbeginn, wenn die Instrumente schon gestimmt sind und das Licht im Zuschauerraum herunter gefahren ist, ein Spot auf die Vorbühne leuchtet und ein/e Mitarbeitende/r des Opernhauses oder gar dessen Chef vor den Vorhang tritt und mit mehr oder weniger betretenem Gesicht eine Erklärung abgibt. Dann wissen wir Bedauernswerte (und schon bezahlt Habende), dass eine der wesentlichen Rollen umbesetzt werden musste, wegen Krankheit, wegen Unfalls oder edler wegen «Unpässlichkeit». Es kann auch sein, dass nur mitgeteilt wird, dass ein/e Sängerin stimmlich angeschlagen sei und um Verständnis bitte. In jedem Fall ist es ein schrecklicher Moment, und jede/r im Raum denkt wohl dasselbe: «Aber bitte nicht X» (X wäre dann der/die Sänger/in, weshalb man genau diese Aufführung besucht).

Da gibt es nun etliche Anekdoten zu erzählen. Alle sind sie wahr, aber in meiner Erinnerung vielleicht durch die Jahre/Jahrzehnte etwas modifiziert:

a) «Norma» in Zürich, Galapreise, weil Frau Cecilia Bartoli die Titelrolle singt. Der Herr vor dem Vorhang teilt mit, Frau Bartoli sei erkältet und etwas indisponiert. Horror, Schrecken, Ärger wegen des hohen Preises. Frau Bartoli singt, man hört nichts von der Indisponiertheit. Ihr Verbrauch an Taschentüchern hingegen ist gross, mit ihrem Schniefen steckt sie die anderen Sänger/innen sicher an. Gerade noch gut gegangen.

b) «Fidelio» in Zürich. Herr Brandon Jovanovich spielt zwar den Florestan, ist aber nicht fähig, ihn auch zu singen. Links vorne an einem Notenpult steht der kurzfristig engagierte Michael Schade und singt perfekt. Gut gerettet; wie Herr Jovanovich singt, weiss bis heute niemand (s. unter d).

c) «Tosca» in St.Gallen, Galaaufführung. Frau Mara Zampieri ist krank. Wegen ihr sind alle gekommen. Der Intendant macht ein betrübtes Gesicht und kündigt dann an, man habe an den Zürichsee telefoniert, und Dame Gwyneth Jones habe sich erbarmt. Grosse Überraschung. Sie sang und spielte, ohne von der Aufführung eine grosse Ahnung zu haben.

d) 16.Juli 2017, Zürich, «Lohengrin», letzte Aufführung der Saison. Die Titelrolle ist wohl mit wem besetzt? Natürlich Herr Jovanovich. Wieder ist er erkrankt. Herr Homoki windet sich vor Kummer und Sorge, meinen wir. Nein, er windet sich vor Freude, uns zu überraschen. Man habe ja noch einen Weltstar in der Stadt, und der sei noch etwas geblieben. Grosser Applaus. Und Piotr Beczala kommt überraschend zu seinem Debut als Lohengrin in Zürich, natürlich auch am Notenpult vorne links. Göttlich. Nebenbei: Wer spielte die Rolle, sowohl im Schlafrock mit blossen Füssen wie in  der Lederhose mit Stoffbändern an den haarigen Waden? Herr Homoki himself! Grosse Schadenfreude: Jetzt musste er ausbaden, was er als Regisseur dieser Rolle zumutet.

26. Juli 2017 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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