Heinz Angehrn

Das fahle Licht der Sonnenfinsternis

Zum nächsten Buch: Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal ein Stück klassische Belletristik mit gleicher Faszination wie einen Krimi von Lady Agatha oder einen Thriller von Nesbø (vgl. hier an selber Stelle vor zwei Wochen) lesen würde. Selbst Zu- und Umgang mit einem so grossartigen Werk wie «Krieg und Frieden» hatten mich deutlich mehr Mühe gekostet als die mit den über 4’500 Seiten des «Dark Tower»! Und Adalbert Stifter (nicht sein Bild, nur seine Romane) schaue ich mir nur mit tiefem Seufzen an.

Nun denn: Ich habe mir vor etwa drei Monaten Lukas Hartmanns (Herr Sommaruga – wenn wir einmal ein machistisches Klischee bewusst auf den Kopf stellen wollen) Roman «Finsteres Glück» gekauft. Ich bekenne gleich, dass ich bisher nichts von Hartmann gelesen habe, werde dies aber nach Erscheinen dieser Rezension sicher nachholen.

Er erzählt uns drei Geschichten, unglaublich kunstvoll und auf den klassischen Show-Down der alten Western hin ausgelegt ineinander verflochten. Das verbindende Element ist das Symbol der Sonnenfinsternis. Da geht es zunächst einmal um den Künstler, der den Isenheimer Altar malt und dabei von seinem Pflegesohn begleitet wird. Dieser 12jährige «Junge» bleibt ohne Namen; ob er – gesundheitlich angeschlagen – eine Chance hat, selber Maler zu werden, bleibt offen. Seine Faszination, wie der Vater die Kreuzigungsszene im fahlen Licht der Finsternis malt, gibt das Motiv vor. Sein Alter Ego ist ein etwa gleichaltriger Schweizer Bub der Gegenwart, Yves mit Namen, der bei einem Autounfall die ganze Familie verloren hat und schwer traumatisiert ist. Dass dieser Unfall auf der Rückfahrt geschah, nachdem die Familie im Elsass (!) von einem Hügel aus eine Sonnenfinsternis anschaute (sein grosser Bruder Maurice war begeisterter Hobbyastronom), ist der zweite Puzzle-Teil.

Und dann – verbindendes Element – ist da die Ich-Erzählerin (der Roman benutzt aber nicht weniger als vier Sprach-Ebenen, so einfach macht uns das Hartmann nicht) Eliane Hess, eine auf Trauma-Therapie spezialisierte Therapeutin. Sie, die mit zwei Töchtern zweier verschiedener Männer in einem spannungsgeladenen Zuhause wohnt und die ihre Küche gleich zu Beginn als «dunkle Höhle selbst an hellsten Sommertagen»  bezeichnet, muss sich um Yves kümmern und verliert Stück für Stück dabei die professionelle Distanz. Wie sie ihn schon zu Beginn geistig adoptiert, sich viel zu sehr von seinem Schicksal betreffen lässt und schliesslich – nach einem klassischen Weg «per aspera ad astra», spannender als in einer Telenovela – mit Töchtern und Yves zu einem Neuanfang findet, das ist der Hauptstrang des Romans. Dass sie im Finale versucht, das Trauma durch einen Besuch im Museum in Colmar anzugehen und dass dies aber noch vorher während der Autofahrt der Quasi-Familie durch einen endlos langen Schattenwald geschieht, dies ist ein faszinierendes Lese-Erlebnis, abseits jegliches Moralisierens.

Man kann Herrn Hartmann ja fragen, woher er einen so grenzenlosen Optimismus bezieht, um an ein zweites, in der Biographie von Eliane schon eher drittes Glück zu glauben. Diese Frage erscheint mir aber fast unanständig, so nahe kommen uns die Hauptpersonen, der «Junge», Yves, Eliane und ihre Töchter Alice und Helene. Hartmann zieht uns als Lesende in ein Geflecht von «compassion» (die französische Sprache – man vergleiche die Vornamen der Protagonisten – ist immer ganz nahe, nicht nur Colmar) und Neugier hinein. Und da bleibt man gerne am Ball. Suspense ganz edler Art.

Also: Lukas Hartmann. Finsteres Glück. Zürich 2010. Diogenes. 305 Seiten.

19. Juli 2017 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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