Kraftort Ranft? Ein theologischer Zwischenruf
«Mehr Ranft» ist das Motto des Gedenkjahres. Da und dort wird dieser Ranft als Kraftort bezeichnet. Man kann das richtig verstehen; als «identitätsstiftenden, spirituellen Kraftort Ranft», wie er auf der offiziellen Website charakterisiert wird. «Kraft» wird ihm also zugeschrieben, insofern er ein Memorial-Ort ist, ein Ort der produktiven Erinnerung.
«Kraftort» wird aber auch ganz anders verstanden. Die Pyramiden von Gizeh, Stonehenge in England oder alte Kloster- oder Wallfahrtskirchen seien an Orten errichtet worden, wo eine seltene Dichte universaler Lebensenergie herrschten. So oder ähnlich wird argumentiert.
Welcher Art Schwingungen wo und wie auch immer zu messen je möglich sein wird, die was auch immer an Wirkungen auf Leib und Seele haben mögen: eine theologische Kategorie ist das nicht. Insofern Gott Schöpfer des Himmels und der Erde ist, mag er auch verantwortlich sein für irgendwelche Energiefelder. Aber vor allem ist Gott der an uns Menschen heilend Handelnde.
Im Fall des Ranft ist es klar. Dieser Ort wurde Niklaus von Flüe angezeigt: vier Lichter wiesen dorthin, wo er bereits als 16jähriger einen hohen, hübschen Turm gesehen hatte; wo auch oft derselbe Stern stand, den er bereits im Mutterleib sah. Dieser unwirtliche Ort liegt aber auch in schattiger Schlucht, durch die Klaus zur Taufe getragen wurde: der im Ritus in verkümmerter Kleinform angedeutete Exodus – das Eintauchen in den Tod und das Aufsteigen aus dem Wasser zum neuen Leben – hat sich an ihm bereits auf dem Weg zum Taufort vollzogen. Er erinnerte sich daran zeitlebens (s. Blog vom 3. Mai 2017). Die Ranftschlucht wurde für ihn zum Ort fortdauernder Kontemplation dieser Bewegung. <Ganz nah und weit weg> (Klara Obermüller) war Klaus von dort aus den seinen.
Der Ranft ist seither ein einzigartiger Memorial-Ort: ein Ort, wo das Gedenken an einen wahren Gottsucher sorgfältig geschützt und bewahrt wurde, so dass er nicht zum frommen Marktplatz verkam (Kompliment an die örtlichen kirchlichen und weltlichen Autoritäten!). Der Ranft wurde uns Sinnbild für Rückzug, Tiefgang, Verdichtung und Konzentration aufs Wesentliche.
Mehr Ranft. Ja. Aber der Ranft ist überall da, wo ich mich auf Gott und den Anderen hin öffne.
Fr. Peter Spichtig op
Link auf die zitierte Website: http://www.mehr-ranft.ch/gedenken/mehr-ranft/
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