Luftballone im Baum
Bettina Flick

Glauben lernen ohne Glaubensvollzug?

Im Kanton St Gallen bleibt auch mit dem Lehrplan 21 Religion ein Schulfach in der Stundentafel. Religion wird von der 1. bis zur 6. Klasse konfessionell getrennt oder ökumenisch (je nach Schulgemeinde) angeboten. Zusätzlich gibt es von der 3. Primarklasse bis zur 3. Oberstufe das Fach ERG (Ethik, Religionen, Gemeinschaft), das im Kanton St Gallen als Wahlpflichtfach entweder von Schulpersonal (ERG Schule) oder von kirchlich angestelltem Personal (ERG Kirchen) unterrichtet wird.

Beide Fächer, Religion wie ERG Kirchen, werden von den Kantonalkirchen verantwortet und sind zugleich im Schulrahmen eingebettet. Da unsere Schulen religiös neutral sind, müssen auch diese Fächer «neutral» unterrichtet werden. Es gehe um Glaubenswissen, nicht um Glaubensvollzug. Der Glaubensvollzug müsse ausserschulisch am «Lernort Kirche» stattfinden.

Je länger ich darüber nachdenke und versuche, mich einzuarbeiten, desto weniger verstehe ich, wie das gehen soll. Wie kann ich mit Kindern zwar das Vater unser LERNEN, aber nicht BETEN? Wie kann ich mit Kindern eine Kirche besuchen und ihnen nur «neutral» erklären, dass wir, wenn wir die Kirche betreten, mit dem Weihwasser ein Kreuz auf unseren Körper zeichnen als Erinnerung an unsere Taufe – ohne dass wir es auch ganz praktisch vollziehen? Warum sollte es nicht möglich sein, mit Kindern beim Kerze-Anzünden ein Gebet zu sprechen?

Kinder wollen ganzheitlich lernen. Wir wissen, wie wichtig es ist, nicht nur den Kopf, sondern auch den Körper und den Geist / die Seele mit einzubeziehen in den Lernprozess, den Menschen als Ganzes einzubeziehen. Möglichst praktisch unterrichten, bzw. wie es im neuen Lehrplan heisst: Möglichst kompetenz-orientiert.

Wäre nicht die Glaubens-Kompetenz die Wichtigste, die wir im Religionsunterricht vermitteln sollten? Wäre es nicht die wichtigste Aufgabe, Vertrauen zu lernen, Liebe einzuüben, eine lebendige Gottesbeziehung aufzubauen? Gibt es wirklich Eltern, die ihre Kinder im Religionsunterricht anmelden (was bedeutet, dass ihr Kind eine Lektion mehr Schule hat als Kinder, die nicht im RU sind!), und es NICHT WOLLEN, dass ihr Kind glauben lernt?

Für mich wirft der Verbleib des Religionsunterrichtes in den Schulen mehr Fragen auf als dass ich zur Zeit die Chancen erkennen kann.

Luftballone im Baum | © se-ma.ch
15. Juni 2017 | 19:28
von Bettina Flick
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!