Das Verhältnis von Schrift und Tradition
Seit dem Konzil von Trient (1545-63) war es ein wichtiges Identitätsmerkmal der römisch-katholischen Kirche, nicht nur an der Heiligen Schrift als Quelle und Norm der kirchlichen Lebens festzuhalten, sondern – im Gegensatz zu den Reformatoren – auch an der Tradition. Dabei hatten die meisten Konzilsväter von Trient nur eine sehr vage und ungenaue Vorstellung davon, was Tradition sei. Aber sie bestanden auf deren Bedeutung. Nun fanden sich in den ersten Entwürfen zum Zweiten Vatikanischen Konzil Tendenzen, die Tradition und das kirchliche Lehramt in der Linie des Konzils von Trient neu zu gewichten. So sollte z.B. auch die theologische Position verurteilt werden, die der Tübinger Theologe Geiselmann (1890-1970) vertreten hatte, dass die Tradition im Wesentlichen der lebendige Umgang und die Auslegung, nicht aber eine inhaltliche Ergänzung der Heiligen Schrift sei. Vor allem römische Theologen bestanden im Gegensatz dazu darauf, dass ein katholischer Theologe an Glaubenswahrheiten festzuhalten habe, die nur aus der Tradition und nicht aus der Heiligen Schrift zu eruieren seien. Es gehörte zur erklärten Absicht der meisten Vertreter der Theologischen Kommission, dass das Konzil in dieser Frage keine Entscheidung treffen solle, damit sich die theologische Forschung frei weiter entfalten könne. So kann die Tradition als eine Weise der Vergegenwärtigung der Offenbarung verstanden werden.
Dieser Standpunkt wurde u.a. auch vom Konzilstheologen Otto Semmelroth vertreten. Über die Arbeit am Donnerstag, dem 23. April schreibt er in sein Tagebuch: «In der zweiten Sektion der Unterkommission wurden heute Vormittag das Kapitel über das Alte und das Neue Testament durchgesprochen. Es sind recht gute neue Texte entstanden. An einigen Stell war es doch sehr wichtig, dass wir eingreifen konnten. So sollte z.B. ein Text zur Verurteilung der Bultmann-Richtung aufgenommen werden, wogegen ich mich sofort verwahrt habe: nicht als wenn sachlich Falsches gesagt worden wäre, wohl aber weil es in einem Ton geschehen sollte, der untragbar wäre, und weil auch die Ausdrucksweise zu sachlichen Missverständnissen hätte führen können. Es kam dann zu einem recht guten, neuen Text. Nachmittags mussten P. Grillmeier, Prof. Ratzinger und ich wieder einen neuen Text, diesmal zum 5. Kapitel [Die Heilige Schrift im Leben der Kirche], ausarbeiten. Wir haben den ganzen Nachmittag bis abends 10 Uhr intensiv daran gearbeitet.»
(Hanjo Sauer)
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