Neben den Schuhen stehen
Hier nun die Nachbetrachtung zum Artikel der letzten Woche (»ganz neue Töne»):
Es fiel mir Folgendes auf:
a) In meiner Anfrage ans Bistum, ob ich denn da teilnehmen solle, hörte ich unter anderem, dass es gut sei, wenn auch meine Generation noch (!) präsent sei, eine Generation, die von jüngeren Mitbrüdern als «Alt-68er» eingestuft werde. Anscheinend sind in der Optik der Jüngeren die Priester dieser Generation einfach «zu berechnen» und quer stehend.
b) Nun gehöre ich (mit Jahrgang 1955 und Studium zwischen 1975 und 1980) aber gar nicht mehr zu dieser verrufenen Spezies, bin bereits ein Kind der Zwischengeneration zwischen 68ern und Neokonservativen (was in meinem Fall – biographisch bedingt – mittelfristig zum Bruch mit beiden Linien geführt hat). Wer damals den Aufbruch in Theologie und Kirche voll miterlebt hat, sieht keinen Grund, sie ständig zu kritisieren; die Fortschritte sind bis heute eklatant, die Aufklärung hat auch bei uns Einzug gehalten. Und zurück will schon gar keiner, der mal solche Freiheit des Geistes erlebte.
c) Die «Alt-68er»-Priester sind heute um die 70 und gehen endgültig in den Ruhestand. Ihre permanente (Fundamental)Opposition gegen die Kirchen-Obrigkeit, die sich aus widrigen Umständen ihrer Zeit an Uni und im Seminar ergab, und später zu einer entsprechenden pastoralen Praxis (ihr liebstes Motto war: Hauptsache, es ist verboten und ärgert den Bischof, dann mach ich’s) geführt hat, wirkt heute antik. Auch die erste Generation der Pastoralassistenten war und ist kirchlich ähnlich aufgestellt.
d) Die Neo-Konservativen (mit oder ohne Römerkragen) haben nun das Sagen und sind (auch wenn es dürftig wenige sind) in der Überzahl. Aus ihren Kreisen werden bis zum Zusammenbruch der staatskirchlichen Strukturen (von dem ich fest überzeugt bin, ich erwarte ihn so um 2030/40) künftige wichtige Entscheidungsträger (Bischöfe, Generalvikare, Dekane etc.) stammen. Überraschungen und mutige Veränderungen sind von ihnen nicht als Gruppe, sondern von einigen Wenigen, die die Zeichen der Zeit erkennen, zu erwarten.
e) Sanft wehklagend stellte nun ein Mitbruder fest, dass er im Kreise der Anwesenden keine Gleichgesinnten mehr finde, mit denen er eine Arbeits- oder Diskussionsgruppe bilden könne. Ich rate zum Schritt in den Ruhestand. Nun: Mir ergeht es schon seit etwa 15 Jahren so. Aber liberale Priester sind per se eigenartige Relikte und darum eine solche Position gewohnt. Auch kampfgestählt – je nach Bedarf.
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