Glockengeläute – Emanzipation der Juden – Todesstrafe
Was haben diese drei Stichworte miteinander zu tun? Sie können unter dem Stichwort «Kulturkampf» betrachtet werden. Dies geschah vor einigen Wochen an der Uni Luzern im Rahmen eines Podiumsgesprächs. Hier einige Streiflichter …
Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts – die Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Liberalen – endet in Luzern bei den Ständeratswahlen. Daran wurde am Podium erinnert, an dem unter der Leitung von Markus Ries der ehemalige Nationalrat Josef Lang und der Historiker Pirmin Meier teilnahmen. Und ich erinnere mich selber an diesen Wahlkampf (ich war damals 12 Jahre alt). Die Kandidaten wurden via Postpaket mit Exkrementen «beschenkt». Bauernknechte der Gegenseite wurden regelrecht entführt, damit sie nicht rechtzeitig wählen konnten.
Und nun zum ersten Stichwort, dem Glockengeläute. In manchen Dörfern sei bezüglich der Frage, wann Kirchenglocken läuten dürfen, in unseren Tagen ein «Kulturkampf» entbrannt …
Und die Emanzipation der Juden: Die liberal geprägte Bundesverfassung von 1848 sicherte die Gleichberechtigung der Konfessionen. Auch die Gleichberechtigung der Juden darin aufzunehmen, hätte «das Fuder überladen», hiess es auf dem Podium. Zudem: Die Schweiz galt als das «Vaterland der Christen». Symbol des Staates war und ist das Schweizer Kreuz. Darum, so wurde von katholischer Seite argumentiert: «Unter dem Kreuz gibt es keinen Platz für die Juden.»
Zur Todesstrafe: Die liberalen Kulturkämpfer setzten sich für ihre Abschaffung ein, die konservativen für ihre Beibehaltung. (Bei der betreffenden Volksabstimmung, die 1938 zu ihrer Abschaffung führte, gab es in Obwalden einen Nein-Anteil von 85 Prozent!!) Dahinter stand ein unterschiedliches Menschenbild: Die Liberalen, als diesbezügliche Optimisten glaubten an die Veränderungsbereitschaft der Menschen, die Konservativen nicht …
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Karl Stadler sagt:
Betreffend die Todesstrafe: Kriminologische Untersuchungen zeigten immer wieder, dass die Todesstrafe keinen wirklichen kriminalpolitisch positiven Effekt zu bewirken vermag. Zu viele und komplexe Gestaltungskräfte beeinflussen das Verhalten der Menschen und sind mitbestimmend, ob es in die Devianz, gemessen an derzeit festgesetzten normativen Leitplanken, abdriftet. Doch auch die Hoffnungen in eine sehr liberale Kriminalpolitik werden bekanntlich keineswegs immer in befriedigender Art erfüllt.
Ob die Konservativen oder Liberalen in ihrer je eigenen Sichtweise bzgl. Veränderungsbereitschaft der Menschen recht haben, weiss ich nicht. Aber die Menschen verändern sich in bezug auf ihre Werthaltungen wahrscheinlich, ohne explizit und bewusst dazu bereit zu sein. Vielleicht verändern sie sich gar nicht von sich aus, sondern werden vielmehr verändert.
Persönlich neige ich trotzdem dazu, es mit dem kulturell eher konservativen Wittgenstein zu halten, welcher dem ersten Teil seiner PU die Losung Nestroys voranstellte: “Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel grösser ausschaut, als er wirklich ist.”