Das war knapp
Mit einer Mehrheit von nur 40 Stimmen hatte das Konzil am 29. Oktober 1963 ein eigenes mariologisches Schema verhindert. Stattdessen sollten mariologische Ausführungen im Rahmen des Kirchenschemas Platz finden. Nach der Interpretation Hans Küngs hätten wohl vor allem emotionale Gründe bei vielen Konzilsvätern dafür gesprochen, Maria ein eigenes Schema zu widmen. Man meinte, «dass nur durch ein getrenntes Schema über Maria als ‹Mutter der Kirche› (ein Titel, der nicht in der katholischen Tradition begründet ist) Maria die notwendige Ehre erwiesen würde. […]
Der Majorität, deren Meinung von Kardinal König vorgetragen wurde, schien jedenfalls, dass die Stellung Mariens sachgemäss theologisch nur innerhalb der Kirche beschrieben werden könne, innerhalb der grossen Gemeinschaft der Glaubenden des neutestamentlichen Gottesvolkes, dessen erstes und vornehmstes Glied diejenige ist, deren Ruhm es ist, dass sie geglaubt hat: ‹Selig die, welche geglaubt hat› (Lk 1,45). Auf die Gefahren der Mariolatrie oder jedenfalls der ungesunden Exzesse einer isolierten, schwärmerischen und unbiblischen Mariologie und Marienverehrung, die den einzigen Mittler Jesus Christus überspielt, war das Konzil unter anderem gerade von südamerikanischen Bischöfen hingewiesen worden. Eine mehr biblische, ökumenische und gesund pastorale, in die Ekklesiologie integrierte Mariologie setzt sich glücklicherweise immer mehr in der gesamten Kirche durch.»
Angesichts des knappen Ausgangs der Abstimmung befürchtet Küng Schwierigkeiten für eine konsensuelle Klärung der Frage. Aber er schliesst: «lieber überhaupt kein Marienschema als eines, das uns nicht theologisch, ökumenisch und pastoral weiterhilft in der Ausrichtung des ganzen Gottesvolkes zusammen mit Maria (‹Was Er euch sagt, das tut!› Jo 2,5) auf Christus!»
(ab; Kü 248f)
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