Mahnmal Berlin
Heinz Angehrn

«Schuldbewusste» Kirche

Mit dem vierten Adjektiv sind wir nun im Zentrum der Überlegung, was Wahrhaftigkeit in der Kirche bedeutet, angelangt. Im allgemeinen Sprachgebrauch verstehen wir ja unter «wahrhaftig» zuerst einmal ehrlich. Und ehrlich sein, heisst auch, zu eigenem Versagen und zu eigener Schuld zu stehen, diese nicht zu verheimlichen, sondern offen zu legen, und – wenn nötig – um Vergebung zu bitten. Nun kann solches Versagen und solche Schuld rein persönlicher Art sein, dann liegt es an einzelnen Individuen, sich entsprechend zu verhalten. Wenn aber eine Institution entdeckt bzw. weiss, dass bestimmte Formen von Versagen und Schuld auch durch systemimmanente Inhalte von Struktur, Organisation und Lehre gefördert, ja verursacht werden, dann hat die Institution als Ganze und im eigenen Namen zur Schuld zu stehen und diese zu bekennen. Drei nicht ganz willkürlich gewählte Beispiele aus der Kirchengeschichte:

a) Antisemitismus bzw. Antijudaismus: Es waren nicht nur einzelne böswillig denkende und handelnde Kleriker und von ihnen angestachelte Laien, die durch ihr Reden und Schreiben an antijüdischen Übergriffen und Pogromen seit dem Mittelalter schuldig wurden, sondern es war in der gesamten Lehre und Theologie verankert, so zu argumentieren. Besonders gut zeigt sich dies in diesem Reformations-Gedenkjahr an Martin Luther. Und die Päpste der neuesten Zeit haben gut daran getan, diese Schuld für die Institution zu bekennen und auf sich zu nehmen.

b) Homophobie und Diskriminierung gleichgeschlechlich fühlender Menschen: Auch hier geht es nicht nur um das quasi bösartige Denken und Reden einzelner Kirchenvertreter, sondern um unseren Umgang als Schriftreligion mit diskriminierenden Passagen aus Texten in der Bibel. Hier ist noch nicht genug geschehen. Der moralisierende Abschnitt des vatikanischen Dokuments, man möge solchen Menschen mit Mitgefühl (wenn nicht gar Mitleid?) begegnen, ist mitnichten ein Schuldeingeständnis oder gar eine Rehabilitation.

c) Und schliesslich zum schwierigsten aller Themen, zurzeit in aller Munde, der indirekten Mitschuld der Kirche als Institution an pädophilen Gewalttaten durch Kirchenvertreter und der dann direkten Schuld wegen des bewussten und organisierten Vertuschens solcher Übergriffe mit der Konsequenz, dass es zu weiteren Vergehen kam. Ich finde es peinlich und bemühend, wenn dieses schreckliche Thema auch nur am Rande instrumentalisiert wird für CH-interne Kirchen-Spielchen!
(Papa Francesco als Person ist da wohl am weitesten im Akzeptieren von Tatsache und Schuld. Aber kann er seine Kirche als Institution bewegen? Da müssten recht viele Bischöfe und Kardinäle dann ins Zittern kommen, die bis in die neuste Zeit nicht wahrhaftig gehandelt haben.)

Mahnmal Berlin | © pixabay.com CC0
8. März 2017 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!