Es genügt nicht, nicht zu morden ...
Jesus sagt uns sechs Mal im heutigen Evangelium: «Ihr habt gehört … – ich aber sage euch.» Ich nehme zuerst die Stelle, in der es heisst: «Ihr habt gehört: Ihr sollt nicht morden. Ich aber sage euch: Wer seinem Nächsten zürnt, wer ihn Dummkopf/Idiot nennt, versündigt sich.»
Was bedeutet dies? Die Moral, die Jesus verkündigt, befasst sich sozusagen nicht bloss mit dem Gröbsten, in unserem Beispiel mit Mord und Totschlag. Das Böse beginnt nicht dort, wo es für einen Krimi interessant wird; sondern ganz banal und einfach im Alltäglichen.
Anders ausgedrückt: Mord beginnt nicht erst dort, wo ich eine Waffen in die Hand nehmen; sondern dort, wo ich hasserfüllt über andere rede. Die neuere Weltgeschichte zeigt uns ein erschreckendes Beispiel: Die Nazis bezeichneten die Juden als «Ungeziefer». Die Behinderten waren für sie «lebensunwertes Leben». Wir wissen, wie es endete: in den Konzentrationslagern und in den Euthanasie-Programmen, wo die verachteten Menschen beseitigt wurden.
Es gibt weniger krasse und dennoch ernste Beispiele. Nur zwei davon:
- Ein Mitarbeiter wird systematisch schlecht gemacht. Oder man macht ihn dauernd lächerlich. «Mobbing» nennt man sowas. Und schon manche gemobbte Person hat ihre Existenz verloren oder hat sich selber umgebracht.
- Man redet von Flüchtlingswellen, als ob das reissende Flüsse mit Hochwasser auf uns zukämen. Und man vergisst, dass verfolgte oder verarmte Menschen zu uns kommen und man drückt sich davor, sie menschlich zu behandeln.
Wenn Jesus sagt, er sei nicht gekommen, das Gesetz – die 10 Gebote – aufzuheben, sondern sie zu erfüllen, dann meint er: «Ich will, dass ihr den tiefern Sinn dieser Weisungen entdeckt.» Wenn ihr nicht mordet, seid ihr nicht schon gute Menschen. Gefragt ist viel mehr: nämlich dazu beizutragen, dass alle ein gutes Leben haben. Dass sie gute Lebensbedingungen vorfinden. Kurz gesagt: Es reicht nicht, das Böse zu vermeiden. Ihr sollt auch das Gute wollen und dazu beitragen, dass es sich auf der Welt ausbreitet.
Wir können diesen Sinn der Worte auch auf die andern fünf Bereiche anwenden, die Jesus im Evangelium von heute anspricht, so auf das Verbot zu lügen. Es genügt nicht, nichts Unwahres zu verbreiten. Sondern wir müssen auch dafür sorgen, dass die Wahrheit eine Chance hat, etwa, indem wir auf Unrecht hinweisen, im kleinen privaten Bereich, aber auch weltweit.
Ebenso: Es genügt nicht, dass wir nicht stehlen, niemanden ausrauben. Wir müssen uns auch bemühen, faire Preise zu bezahlen. Wenn wir beispielsweise für ein Kleidungsstück bloss fünf Franken bezahlen, dürfen wir nicht annehmen, dass die Näherinnen in Bangladesh einen gerechten Lohn bekommen. Zum Glück gibt es immer mehr Organisationen, die darüber Informationen verbreiten. Wir müssen uns nur die Mühe nehmen, uns dafür zu interessieren. (…)
Gettnau LU, Sonntag 8.45 Uhr
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