Heinz Angehrn

«Vorläufige» Kirche

Der erste Durchgang zum Thema «Wahrhaftigkeit» beginnt. Gerade unsere katholische Kirche war und ist immer wieder in der Versuchung, sich quasi als «Selbstzweck» zu sehen. Natürlich ist es schön, diese gewaltigen Kirchen und Dome in Köln, Paris und andernorts anzuschauen (ich bin in der Dompfarrei St.Gallen aufgewachsen und kenne von klein auf das wohlige Gefühl, im Inneren des Allerheiligsten weilen zu dürfen – verständlich für einen 9jährigen Ministranten, aber nicht für einen erwachsenen Theologen), natürlich darf uns das Auftreten des Papstes in seiner (nebst der Queen) einmaligen Erscheinung tief beeindrucken. Johannes Paul II. hat ja das Seine (über)genug dazu beigetragen, dass dieses Amt quasi als überirdisch-allumfassend wahrgenommen wird. Irrtum auch das!

Kirche gibt es nur, weil der Wanderprediger und Rabbi Jesus überzeugt war, dass mit und in ihm die «basileia tou theou», die Königsherrschaft Gottes, ein neues Zeitalter also für die Menschheitsfamilie, angebrochen ist. Kirche ist nichts als Vehikel, als Transportmittel, damit diese Botschaft genügend laut und genügend weltweit verbreitet wird. Und sie hat ihren Auftrag erfüllt, wenn das Reich Gottes langsam universale Züge anzunehmen beginnt. Es ist wie bei Teilhard de Chardin: Wie das Ziel der Evolution der Punkt Omega und die Christogenese sind, so ist das Ziel der Kirchengeschichte eine Transformation, die nichts anderes bedeuten wird als das Verschwinden aller Strukturen: der kirchlichen Ämter, der kirchlichen Bauten, der kirchlich-dogmatischen Macht. «Kein Papst wird mehr sein, kein Lehramt, kein Codex», so die Umformulierung der Offenbarung für unseren Zweck.

Nur Kirche und Kirchenvertreter, die dies wissen, Tag für Tag, Tat für Tat aufs Neue, entsprechen dem Anspruch, wahrhaftig in dieser Frage zu sein. Ich schreibe es jedem/r Kollege/in und vor allem mir immer wieder ins Gewissen, dass für uns alle gilt: «Wir sind nur unnütze Knechte und haben unsere Schuldigkeit getan».

 

St.Gallen | pixabay.com
15. Februar 2017 | 06:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
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Ein Gedanke zu „“Vorläufige” Kirche

  • Karl Stadler sagt:

    Gewiss, als Selbstzweck sollte sich die Institution “Kirche” nicht verstehen. Jedoch sei die Frage erlaubt, wie weit vorwieged grosse Sakralbauten als Ausdruck eines solchen Kirchenverständnisses zu gelten haben? Ich denke an das gewaltige Bauwerk der Hagia Sophia, an Ausmassen St. Peter in Rom ebenbürtig, die als Sakralraum bereits im 6. Jahrhundert, rund einhundertfünfzig Jahre nach dem Aufstieg des Christentums unter Theodosius zur Staatsreligion, eingeweiht wurde. Oder werfen wir einen Blick über den Kulturkreis des Christentums hinaus, in den islamischen Kulturraum: die Sultan-Ahmed-Moschee in der Türkei, die Propheten-Moschee in Medina, oder die Sultan Qabus-Mosche im Oman. Alles Bauwerke, die einen Vergleich an Aussmass und Pracht mit St. Peter in Rom nicht zu scheuen brauchen. Oder der gewaltige architektonische Stern, welchen die Moschee in Isfahan darstellt! Und nur staunen kann man über die weltweit unzähligen weiteren sakralen Bauwerke anderer Weltreligionen. Als Stichworte mögen dienen die zum Teil sehr grossen Tempelruinen aus der Antike; Tempelanlagen wie Angkor Wat oder Taj Mahal, aber auch der Meenakshi-Tempel in Südindien usw. Alles äusserst eindrucksvolle Zeugnisse kultureller Formen, die Zufälligkeit menschlichen Daseins zu bewältigen. Und wenn Sie diesmal mit einem Bild der St. Galler Kathedrale den Blog illustrieren, so will auch mir scheinen, dass mich Räume wie San Nicolao in Giornico oder San Carlo di Negrentino mehr ergreifen. Dennoch verdient nach meiner Meinung die sakrale, doch etwas pompöse Barock-Architektur ein äusserst wichtiges Zugeständnis: Sie dient nicht bloss der Verherrlichung Gottes , wie in vielen Kunstführern zu lesen ist. Sie ist viel mehr auch Ausdruck fundamentaler anthropologischer Gegebenheiten und liegt diesen vielleicht näher als viele messianische Visionen mancher Reformbewegung. Sie erweist, trotz auch damals geltender Gebote und Verbote, der Sinnlichkeit, Sinnlichkeit verstanden im umfassendem Sinn, auf geziemende Weise die Reverenz, ohne zu kaschieren. Vielleicht auch ein Zeichen von “Wahrhaftigkeit”. Sie erinnert die Gläubigen daran, dass Sinnlichkeit , wie auch immer institutionelle Tatsachen normativ ausgestaltet sein mögen, ein tragendes Element menschlichen Daseins bildet. Eine Gegebenheit, welche auch der Wanderprediger aus Nazareth in der gesamten Kirchengeschichte nie in den Hintergrund zu rücken vemochte.

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