New frontiers – Kennedy und das Konzil
Der Kandidat blickt in die untergehende Sonne Kaliforniens: «Heute Abend stehe ich hier und schaue gen Westen, wo einst die äusserste Grenze unserer Möglichkeiten lag. Von einem Land kommend, das sich dreitausend Meilen hinter mir ausstreckt, gaben die Pioniere der alten Zeit ihre Sicherheit […] auf, um hier im Westen eine neue Welt zu errichten. […] Heute stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Pioniergrenze [new frontier] […]. Jenseits dieser Grenze warten unentdeckte Gebiete der Wissenschaft und des Raumes, ungelöste Probleme von Krieg und Frieden, uneroberte Nester von Ignoranz und Vorurteil, unbeantwortete Fragen von Armut und Überfluss».
Dieses Zitat aus der Rede, mit der John F. Kennedy seine Nominierung als US-Präsidentschaftskandidat annahm und das Leitmotiv seines legendären Wahlkampfes 1960 vorstellte, erinnert an jene gesellschaftliche Aufbruchsstimmung («Golden sixties»), in der auch das Zweite Vatikanische Konzil stattfand. Mit ihm hat die Kirche sich eine neue Pioniergrenze gesetzt: den unendlichen Horizont des universalen Heilswillens Gottes. Ihre pastorale Welt-Mission besteht seither in einer permanenten Selbstentgrenzung auf diesen je grösseren Horizont.
Papst Johannes XXIII. zufolge führt das zu einer «Erweiterung der Dimensionen der Caritas», wie er in einer Begegnung mit Architekten sagte: «Das Konzil möchte Dimension der Liebe ausweiten auf all die vielfältigen Erfordernisse und Bedürfnisse der Völker». In kongenialer Weise zu dieser new frontier hatte der Katholik Kennedy, dessen Ermordung sich in diesen Tagen zum fünfzigsten Mal jährt, zu Beginn des Konzils seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, es möge die «kühnsten Hoffnungen und Träume von einer weltweiten Erneuerung der Brüderlichkeit und Liebe und der Errichtung eines dauerhaften Friedens» erfüllen – Ambivalenzen inbegriffen.
(Christian Bauer)
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