Walter Ludin

2012

Ich wünsche euch allen ein frohes Neues Jahr; und hoffe auf viele «virtuelle Begegnungen» an dieser Stelle!«Wird’s besser, wird’s schlimmer?»So fragte einst der Dichter Erich Kästner am Beginn eines neuen Jahres. Seine ernüchternde Antwort:»Seien wir ehrlich,das Leben ist immer lebensgefährlich.»Recht hat er, der Herr Kästner. Zwar sagen wir, ein neues Jahr werde uns geschenkt. Ob es ein ganzes sein wird, weiss niemand. Nun, ich möchte nicht einstimmen in die mittelalterliche Warnung des «Memento mori»/denke an deinen Tod. Es gibt ja ein Leben vor dem Tod. Dieses Leben dürfen wir leben. Ich weiss, der Satz tönt banal. Doch dahinter steht die Erfahrung einer grossen Versuchung: nämlich, dass wir nicht leben, sondern gelebt werden. Auch das ist lebensgefährlich. Denn da verpassen wir unser Leben, und damit auch uns selber.Ich will hier nicht weiter philosophieren, sondern einen Wunsch für das Jahr 2012 anbringen. Mit den Worten eines Freundes, der ein begeisterter Läufer ist, wünsche ich allen «Lauf-Pausen». Die aber sind nur möglich, wenn wir uns für jeden Tag nicht Dinge vornehmen, für die wir wenigstens 30 Stunden brauchen. Wir bleiben offen für Überraschungen, wenn wir nicht jede Minute verplanen.Ich denke da an Erlebnisse, die ich auf meinen Reisen in die so genannte Dritte Welt hatte. Nicht das war am eindrücklichsten und für meine Arbeit als Journalist am ergiebigsten, was ich zuhause geplant hatte; sondern Einladungen, die spontan auf mich zukamen wie etwa der Besuch in einem peruanischen Frauengefängnis. Wäre ich, wie es Kollegen tun, mit fix-fertigen Plänen gereist, hätte ich keine Zeit gehabt für solch Unvorhergesehenes. Und ich hätte sehr viel verpasst.Darum mein Vorschlag: Treten wir die Reise ins Jahr 2012 nicht mit zu vielen Plänen an. Dann bleibt das Leben, obwohl es lebensgefährlich ist, lebenswert, bunt und überraschend.

1. Januar 2012 | 01:17
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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