Vera Rüttimann

1989 revisited: Die ökumenische Versammlung in Basel

«1989 revisited» – so nenne ich eine Serie von Texten, in denen ich 30 Jahre zurückblicke auf Ereignisse, die mich zutiefst geprägt haben. In diesem Jahr, in dem Deutschland dem 30. Jahrestag des Berliner Mauerfalls und der friedlichen Revolution gedenkt. Gibt es etwas zu feiern? Wenn ja: Was?

Ich beginne mit «Basel».

In der Pfingstwoche vom 15.-21. Mai, in diesen heissen Mai-Tagen, fand idie Europäische Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» in Basel statt. Sie wurde von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Europäischen Bischofskonferenz (CCEE) getragen. Sie führte erstmals seit der Reformation alle Kirchen Europas zusammen. 30 Jahre nach dieser Versammlung, an der ich als junge Delegierte der Pfarrei St. Anton Wettingen (AG) gereist war,  erinnern ich mich an eine ausserordentliche, verheissungsvolle Zeit mit mutigen Stellungnahmen. Im vollbesetzten Münster zu Basel hofften die Teilnehmer auf ein Pfingstwunder. Es trat ein ein halbes Jahr später mit dem Fall der Berliner Mauer ein.

Diese Versammlung hat in mehrfacher Hinsicht mein Leben verändert. Erstmals konnte ich damals Leute aus der DDR treffen, mit denen ich zuvor nur durch Briefkontakte verbunden war. Das, was sie mir in den öffentlichen Hearings und Essenszeiten rund um das Basler Münster aus ihrem Land erzählten, interessierte mich brennend. Einige waren zuvor schon im April 1989 in Dresden an der Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, einer der ersten regionalen Versammlungen in Europa im Rahmen des Konziliaren Prozesses, der auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1983 in Vancouver begonnen wurde. Sie erzählten von einem Land in Auflösung. Von Städten in krisenhafter Endzeitstimmung, wo Häuser zerfielen. Und doch auch von brodelnden Aufbrüchen, die mehr und mehr an die Oberfläche wollten. Als sie in ihren Statements von toten Fischen in Seen voller Quecksilber, verursacht von Dreckschleudern wie den Chemiewerken in Bitterfeld, hatte das «Bewahrung der Schöpfung» für Schweizer Ohren plötzlich einen ganz anderen Klang. Die Wende in der DDR, das wird rückblickend immer deutlicher, war zuerst eine Umweltbewegung, die aus der Kirche kam.

In Basel konnte ich die ersten Kontakte machen, die mir im Mai 1990 halfen, den Sprung nach Berlin zu machen. Aber dieses Pfingstereignis von 1989, dieser «Wind of Change», beschwingte nicht nur mich, sondern auch viele, viele weitere Zeitzeugen dieser Versammlung nachhaltig.  (im Juni dazu mehr). Unvergessen auch die Lichtschiffchen, die am Schluss der Versammlung zu tausenden auf dem Rhein tanzten.  Die Originalkarte des Treffens mit der von Hans Erni gezeichneten Taube darauf habe ich heute noch.

Die Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind bis heute aktuell. Die Ökumenische Versammlung zu Basel erinnert daran, dass diese Trias auch dreissig Jahre später immer noch ein Zukunftsversprechen ist, die es einzulösen gilt.

Bildquellen

  • “GFS” Basel 1989: ÖV Basel
«GFS» Basel 1989
20. Mai 2019 | 22:27
von Vera Rüttimann
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