Krieg und Frieden
Bettina Flick

Ein Gebet, das den Alltag verwandelt

Seit einigen Wochen hängt an meiner Wohnungstür das «Hingabegebet» von Charles de Foucault. Ich bete es, bevor ich die Wohnung verlasse, als Intention, die mich durch den Tag begleiten soll.

Mein Vater,

ich überlasse mich dir,
mach mit mir, was dir gefällt.

Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir.

Zu allem bin ich bereit,
alles nehme ich an.
Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt
und an allen deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.

In deine Hände lege ich meine Seele;
ich gebe sie dir, mein Gott,
mit der ganzen Liebe meines Herzens,
weil ich dich liebe,
und weil diese Liebe mich treibt,
mich dir hinzugeben,
mich in deine Hände zu legen, ohne Maß,
mit einem grenzenlosen Vertrauen;
denn du bist mein Vater.

Schöne, hehre Worte! Es tut gut, diese Hingabe und dieses Vertrauen zu erinnern.

Und so sitze ich im Büro an meinem Computer. Die Arbeit geht leicht von der Hand. Da klingelt das Telefon. Ich sehe die Nummer und seufze: «Ausgerechnet diese Person! Das wird immer so kompliziert und langatmig!» Ich beginne das Gespräch, schon bald merke ich, wie meine Geduld sich dem Ende zuneigt. Gern würde ich die langatmigen Ausführungen meines Gesprächspartners verkürzen. Meine Stimme klingt bewusst schon leicht verärgert, als ich antworte. Wieder folgen lange Ausführungen.

Zu allem bin ich bereit,

alles nehme ich an.

Meinte ich das heute Morgen wirklich wörtlich? Muss das jetzt sein? Ich atme unhörbar tief aus und mobilisiere den Rest meiner Geduld, um weiter zuzuhören. Es ist mehr ein Willensakt als tief empfundene Liebe. Noch ein paar Mal atme ich tief aus statt, dass ich meinem Ärger Raum gebe. Zu meinem Erstaunen dankt mir mein Gesprächspartner am Ende des Telefonats. Erleichtert lege ich den Hörer zurück.

Da kommt eine email eines Kollegen eines anderen Teams. Er teilt mir eine Entscheidung mit, die auch einen meiner Arbeitsbereiche betrifft. In mir kommt Ärger hoch. «Was denken die sich denn? Ich habe doch klar argumentiert, dass das so nicht geht!» In diesem Fall muss ich – ob es mir passt oder nicht, die Entscheidung akzeptieren. Ich informiere kurz und sachlich weitere Personen, die von der Entscheidung betroffen sind. In mir formt sich Widerstand. «Nein, so nicht! So nicht mit mir!» Meine Vernunft sagt mir, dass ich nun einfach zu akzeptieren habe.

Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt
und an allen deinen Geschöpfen,
so ersehne ich weiter nichts, mein Gott.

 

Na, also das kann es ja nicht sein! Gottes Wille in dieser Entscheidung?! Oder doch… Die Erinnerung kommt hoch an ein Gespräch vor ein paar Tagen: Da hatte jemand seine Arbeitsstelle verloren – und fand relativ kurz darauf seinen Traumjob. In der Rückblende gesehen könnte auch da der Wille Gottes mitgespielt haben, dass er seinen Job verloren hatte.. Vielleicht eröffnet auch in meiner Situation genau dieser Entscheid nun ganz neue Perspektiven, die ich noch gar nicht sehen kann?

In mir wechseln Ärger, Trauer und Vertrauen immer wieder ab. Ganz loslassen werde ich erst können, als ich am nächsten Tag von einer anderen Person höre, wie sehr auch sie sich ärgert – Geteiltes Leid ist halbes Leid. Der gemeinsame Ärger wird helfen, ihn zu überwinden.

Inzwischen ist mein Arbeitstag beendet. Daheim kommt ein Anruf von einer Freundin, die ganz aufgelöst von einem Streit erzählt. In mir ruft alles: «Nicht auch das noch!»

weil ich dich liebe,
und weil diese Liebe mich treibt,
mich dir hinzugeben,

 

Ich lasse mich auf das Gespräch ein, versuche zu verstehen und merke, wie sie sich langsam beruhigt.

Abends, in meiner Gebetsecke nehme ich das Hingabegebet noch einmal in die Hand.

mich in deine Hände zu legen, ohne Maß,
mit einem grenzenlosen Vertrauen;

 

Puh! War das herausfordernd heute! Muss Gott denn meine Gebete so wörtlich nehmen?

In Seinen Händen schlafe ich ein – auch morgen wieder werde ich es versuchen…

 

 

Krieg und Frieden | © Johannes Kammerer
24. Juni 2017 | 14:29
von Bettina Flick
Lesezeit : ca. 2  Min.
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